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Pressestimmen
»Der Antibürger«
Von Stephan Sattler
Im Focus, August 2006 (Auszug)»... Das autobiographische Buch mit dem Untertitel »Ins Land meiner Mutter« gibt sich als Reisebericht aus. Sombart war im Jahr 1972 nach Rumänien gereist, um in Bukarest an der Internationalen Konferenz für Zukunftsforschung teilzunehmen und einen Vortrag über seine Leitfigur Charles Fourier zu halten. Doch die Konferenz bietet nur den Anlaß für etwas Dramatischeres. Da ist einmal die verrückte Liebesgeschichte mit Isabelle, einer jungen Dame, die den kurz vor den Fünfzigern stehenden Autor auf den Balkan begleitet, und da ist die aufregende Wiederentdeckung der Welt seiner Mutter Corinna Léon, die einst dem »berühmten« deutschen Professor nach Berlin gefolgt war. Im Kontrast zur realsozialistischen Trostlosigkeit entspringen dem Gespräch mit den rumänischen Verwandten wunderbare Erinnerungsbilder eine lebensfrohen Zeit, die Nicolaus als Kind vor dem Zweiten Weltkrieg erlebt hatte. Zwischen die Hommage an dieses fast märchenhafte Rumänien schieben sich intime, deftige Reden mit Isabelle über sexuelle Befreiung und »Liebe zu dritt«. Sombart, der hoch amüsante Salonphilosoph im Berlin der vergangenen drei Jahrzehnte, hat ein brisantes Dokument seines Begehrens vorgelegt stets voller Esprit.«
»Die Freudenbücher der freien Liebe«
Von Stephan Schlak
In der Süddeutschen Zeitung vom 12. Juni 2006 (Auszug)
»... Als Anfang der siebziger Jahre das Paradies der freien Liebe in der alten Bundesrepublik im ewigen WG-Küchengespräch vorläufig zu enden droht, entdeckt Sombart ausgerechnet im so wenig dandyhaft anmutenden Rumänien einen neuen Sehnsuchtsort. Sombarts erotische Reise zum Zukunftskongreß ist gleichzeitig auch eine Reise in die Vergangenheit eine Spurensuche im Lande seiner rumänischen Mutter Corinna. Als Kind hatte der kleine Nicolaus im Orient-Express das Balkan-Fürstentum bereist und an langen, feudalen Tafeln gespeist. Aus der Erinnerung taucht zwischen den Reisenotaten das mythische Rumänien wieder auf Orte wie Jassy oder Crevedia voller Pracht und Glanz, die »Bukarest wie ein Collier umgeben und den Zauber seiner Umgebung ausmachen«. [...]
Nach Rumänien hatte sich Anfang der zwanziger Jahre auch der Gelehrte Werner Sombart aufgemacht, um die dreißig Jahre jüngere Corinna zu heiraten. Immer wieder drängelt sich Nicolaus Sombarts übermächtiger Vater auf der »Rumänischen Reise« ins Bild. Schon bei seiner Geburt habe Werner Sombart gespottet, daß aus dem Jungen nichts Großes werden würde. »So liebte ich es auch«, erinnert sich der überzeugte Warmduscher Sombart an seinen kalten Vater, »im Warmen, bei aufgedrehter Heizung, zu schlafen. Er kam jeden Abend in mein Zimmer, um sie abzustellen.« Eines Tages wird der geliebte Diwan weggesperrt [...]«
Im Land der Begierde
Nicolaus Sombart über sexuelle Abenteuer und den utopischen MenschenVon JAN DECKER - © Die Berliner Literaturkritik, 25.09.06
Wenn sich ein Gelehrtentagebuch wie ein Abenteuerroman liest, muss ein seltener Glücksfall vorliegen. Nicolaus Sombarts „Rumänische Reise ins Land meiner Mutter” ist ein solcher. Mit großer Dringlichkeit und stilistischem Geschick schildert der Sohn des Soziologen Werner Sombart, was einem gestandenen Schriftsteller durchaus Kopfschmerzen bereiten kann. Seine Rumänische Reise ist ein intimes Gedankenzeugnis und vereint im Fokus des weltgewandten Intellektuellen gleich vier Ebenen der Erzählung.
Zunächst die erzählte Gegenwart. 1972 reist Nicolaus Sombart zum Internationalen Kongress für Zukunftsforschung nach Bukarest, wo er einen Vortrag über den französischen Revolutionär Charles Fourier halten soll. Immer wieder kreisen Nicolaus Sombarts Gedanken um den unterschätzten Fourier, der die Begierde als sozialen Brennstoff in den Mittelpunkt seiner Gesellschaftsordnung stellte. Hier setzt die erzählte Utopie dieses Tagebuchs ein. Zwar weiß Nicolaus Sombart um den utopischen Gehalt der Fourierschen Lehre, die das freie Zusammenspiel unserer Leidenschaften als ein neues Kapital einsetzte, ohne ihre Verteilung zu analysieren. Doch als erzählte Obsession erleben wir Fouriers entfremdeten Menschen, der sich erst zu seiner Begierde bekennen muss und dadurch frei wird: in der Gestalt des Autors Nicolaus Sombart selbst.
Offen beschreibt er seine Liebesexperimente mit einer jungen Geliebten, die er in eine intime Dreiersituation bringt, was nach Anlaufschwierigkeiten zum allgemeinen Lustgewinn führt. Hier ist die Muffigkeit der sexuellen Revolution jener Tage gewitzt konterkariert. Der gebildete Blick ist jenem Stück Stoff vergleichbar, der die Attraktivität eines Körpers ins Unermessliche steigern kann. So appelliert Sombart mit Fourier an unsere Phantasie, zeigt, wie sehr die Dynamik unserer Begierden Utopisches in den Bereich des Möglichen holen kann. Wer noch nie verführt hat, mag das bestreiten. Doch dass zum Verführen jederzeit Anlass wäre, ist offensichtlich. Sombarts erotische Erkundungen machen diese Reise gleichzeitig zur revolutionären Erkundung einer anderen Gesellschaft.
Die vierte Ebene des Tagebuchs hat das Potential, alle vorherigen zu schwächen. Indem Nicolaus Sombart auf den Spuren seiner Mutter nach Rumänien reist, erhält sein utopisches Projekt eine folgenschwere Verankerung. Doch die Biografie seiner Mutter enthüllt sich als ein gelebter und verfehlter Roman der Begierde. Aus einer angesehenen rumänischen Gelehrtenfamilie stammend, versagte sie sich ihrer großen Liebe und entschied sich für die Ehe mit dem Soziologen Werner Sombart. Dessen preußische Strenge stand im auffallenden Kontrast zur sinnlich gelehrten Gastlichkeit der Léons, die im Rumänien der 20er Jahre eine intellektuelle Kultur der Lebensfreude zelebrierten, in der Erotik und Wissen ineinander schmolzen, ohne im Taumel des Nihilismus eines Cioran zu enden.
Man nimmt von diesem Reisetagebuch mit einem Gefühl der Melancholie Abschied. Nicolaus Sombart ermisst am Ende seiner Rumänischen Reise, dass sich unsere Begierde in den dominanten Kontexten von Familie und Gesellschaft auflösen kann. Womit verhüllen wir unser Wissen, um es wieder attraktiv erscheinen zu lassen? Reichlich Stoff zum Nachdenken ist vorhanden.
http://www.berlinerliteraturkritik.de/index.cfm?id=13254
WDR 3 - 23.4.06 - Ernest Wichner
Am 20. August 1972, ein Jahr nach Ceauşescus kleiner, von einem Besuch Chinas und Nordkoreas inspirierter Kulturrevolution, die das Ende der liberalen Tauwetterperiode markierte, landet Nicolaus Sombart, ein 49-jähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter der Europäischen Kommission, mit Isabelle, seiner jungen Geliebten, auf dem Bukarester Flughafen. Das offizielle Reiseziel ist der „Dritte Internationale Kongress für Zukunftsforschung“ in Bukarest, der zwei Wochen später stattfinden sollte, und auf dem Nicolaus Sombart einen Vortrag über den französischen Frühsozialisten Charles Fourier zu halten beabsichtigt; inoffiziell verfolgt der Reisende diverse weitere Ziele.
Der Sohn des berühmten deutschen Nationalökonomen Werner Sombart und einer Mutter, die einer weit verzweigten, großbürgerlichen rumänischen Gelehrtenfamilie entstammte, hatte schließlich als Kind häufig seine Sommerferien auf dem Landgut der rumänischen Familie in Crevedia bei Bukarest verbracht; die Erinnerungen daran sind nach wie vor lebendig, obwohl der letzte Aufenthalt im Sommer 1936, also vor genau 36 Jahren, stattfand. Folgerichtig ist eines der eher heimlich zu betreibenden Reiseziele die persönliche Spurensuche, die Rekonstruktion der Vergangenheit, die Ermittlung der Schicksale jener Familienmitglieder, die zur falschen Zeit Karriere gemacht hatten und von den Kommunisten in Gefängnissen und Lagern brutal umgebracht worden waren. Die Begegnung mit der Cousine Yvonne und die Gespräche mit ihr erschließen dem privilegierten Besucher aus dem Westen die ganze Tristesse und das Elend hinter der Propagandafassade, den Terror, ja den systematischen Vernichtungswillen, mit dem das kommunistische Regime während des Stalinismus die Bourgeoisie und als deren Teil auch diese Familie traktierte. Die Überlebenden jener Jahrzehnte sind gebrochene und verängstigte Gestalten, Schatten, die sich aufopfern, damit eventuell ihre Kinder oder Enkel in einer fernen Zukunft einen neuen Hoffnungsschimmer erglimmen sehen.
In Jassy, der Hauptstadt der Moldau, besucht Nicolaus Sombart die Universität, um dort seinem Großvater Nicolas Léon zu begegnen, das heißt, dessen ebenholzgerahmtem Portrait im Rektorat der Universität, denn Professor Léon, Zoologe mit dem Spezialgebiet Parasitologie, war der Gründungsrektor dieser Universität. In der Hafenstadt Constanza am Schwarzen Meer trägt das meeresbiologische Institut den Namen des Onkels Borcia, während das Bukarester Naturkundemuseum den Namen eines weiteren Großonkels trägt: Grigore Antipa. Alle diese Namen sind nun wieder in Gebrauch, ihre Träger sind rehabilitiert und hoch geehrt; die Nachkommen dieser Repräsentanten der bürgerlichen Bildungselite - nunmehr die Enkelgeneration, denn die unmittelbaren Nachkommen waren dem stalinistischen Klassenkrieg zum Opfer gefallen - leben anonym, proletarisiert und bestenfalls geduldet in trostlosen Plattenbauwohnungen, während die hochherrschaftlichen Stadtpalais und die feudalen Sommerresidenzen verstaatlicht bleiben und der neuen Nomenklatura zur Verfügung stehen.
Intellektuelles und politisches Ziel dieser tagebuchartig beschriebenen Reise ist natürlich der Kongress für Zukunftsforschung; die Freunde und Bekannten des Jahres 1972 assistieren an der Vorbereitung auf den Vortrag über Fourier ebenso wie nun, mehr als dreißig Jahre später, die Leser dieses Buches: ein bisschen revolutionäres Pathos der 68er Jahre grundiert diese Exkurse - allerdings in seiner vornehmeren, intellektuelleren und hedonistischen Variante. Fourier, dessen Eigentumskritik und Theorie des Begehrens, diese wahrscheinlich angereichert durch etwas Wilhelm Reich, grundiert die rhetorische Hinführung auf ein weiteres heimliches Reiseziel: hier im Land der schönen und wohlfeilen jungen Prostituierten soll Isabelle ihren Liebesegoismus überwinden und in einem Akt der Selbstbefreiung die „Produktionsbeziehungen des Begehrens“ freisetzen, „welche die Ordnung der Geschlechter in Unordnung bringen“. Viel emanzipatorisch klingende Theorie für den schlichten Wunsch nach einer zweiten Gespielin und dem Einverständnis der Geliebten damit. Als dann die Bereitschaft dazu endlich erreicht ist und es geschehen soll, gelingt es der bescheidenen und verängstigten Prostituierten nicht, den spiritus rector dieser Inszenierung zum Genuss zu verführen, und die mit viel intellektuellem Aufwand herbei geredete Gelegenheit verstreicht ungenutzt. Doch was ins Zentrum eines oberflächlichen Interesses gerückt war, der Autor würde dieses wahrscheinlich „romanhaft“ nennen, die Frage, wer kriegt wen mit welchen Mitteln dazu, ihm zu Willen zu sein, wird leichthändig und wie nebenbei von der ungeplanten und tatsächlich sensationellen Entdeckung, die der Reisende noch zu machen hat, an den Rand gerückt.
Zwar ist ihm schon von vielen Gesprächen her bekannt, dass Corinna Léon, seine Mutter, eine junge Wissenschaftlerin, die soziologische und philosophische Aufsätze publizierte, der Star und Hoffnungsträger der rumänischen Universität war, dass sie zahllose Verehrer und Bewunderer hatte, aber er weiß nicht, warum diese unglaublich schöne Frau den dreißig Jahre älteren deutschen Professor geheiratet, mit ihm ihr Land verlassen und ihre Karriere aufgegeben hat. „Wie konnte es möglich sein, dass sie ihre Generation, ihre Karriere, ihr Land verriet?“, fragt einer der Gesprächspartner des Sohnes, und dieser notiert: „Die Enttäuschung, die Überraschung und beinahe auch die Empörung hörte ich noch im Tonfall des Achtzigjährigen nachklingen, der mir da gegenüber saß.“
Die Aufklärung des Rätsels schockiert den Sohn noch nach dem Tod der Mutter, zumal sie ihm die Traurigkeit und Schwermut dieser Frau erklärt, die er zwar oft beobachtet, sich aber nie hatte erklären können. Sie hatte ihren Schwager, den Mann ihrer älteren Schwester geliebt und dieser hatte sie geliebt, es war beider große Liebe, in der sie als die störende Person auf Geheiß des Vaters geopfert wurde: vor die Wahl gestellt, eine Liebe ohne Würde zu leben oder ein würdevolles Leben ohne Liebe, wählte sie letzteres, damit aber auch das Exil in Deutschland und die Ehe mit einem dreißig Jahre älteren Gelehrten.
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