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Monika Marose
Unter der Tarnkappe
Felix Hartlaub - Eine Biographie
Die erste Biographie über »eine der größten Begabungen seiner Generation, tragisch abgebrochen«.
Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung
EMPFOHLEN AUF DER SACHBUCH-BESTENLISTE
DES MONATS DEZEMBER |
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216 Seiten, zahlreiche Abbildungen und Dokumente, gebunden € 19,80 (D) / CHF 38,60 ISBN 3-88747-205-5
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Inhalt: Unter der Tarnkappe
Felix Hartlaub gehört zu jenen künstlerischen Existenzen, die sich jedem gewohnten Schema entziehen: geboren in Bremen, aufgewachsen in Mannheim (der Vater, Direktor der Mannheimer Kunsthalle, wurde 1933 entlassen), Besuch der Odenwaldschule, längere Aufenthalte in Frankreich und Italien, ab 1933 Studium in Heidelberg und dann bis zur Promotion 1939 in Berlin, freundschaftlicher Kontakt zu künstlerisch-politisch oppositionellen Kreisen (besonders intensiv zur Familie Gysi), die dann ab 1938 zunehmend Deutschland verlassen müssen. Hartlaub bleibt, notiert, beobachtet und schreibt, orientiert an Marcel Proust, Joseph Conrad, Franz Kafka oder D. H. Lawrence. 1939 eingezogen, kommt er als einfacher Soldat durch eine Kette von Zufällen auf sehr ungewöhnliche Positionen: zuerst im besetzten Paris als Archivar des Auswärtigen Amtes, dann als Sachbearbeiter in den Abteilungen »Kriegsgeschichte« bzw. »Kriegstagebuch«, die direkt dem Oberkommando der Wehrmacht bzw. dem »Führerhauptquartier« zugeordnet waren, mitten im Zentrum der Macht. Während dieser Zeit schreibt Hartlaub neben seiner offiziellen Tätigkeit eigene Texte: satirische Reportagen, demaskierende, distanzierte, kühle Beobachtungen, genaue Protokolle eines Krieges, die erst lange nach Hartlaubs rätselhaften Verschwinden (Ende April 1945) und auch dann nur in Bruchstücken veröffentlicht werden, aber sogleich großes Aufsehen erregen.
Monika Marose, seit langem mit Felix Hartlaubs Werk vertraut, hat neue Spuren, neue Details entdeckt und eine Biographie vorgelegt, die der Forderung entspricht:
»Es ist Zeit, diesen verheißungsvollen Autor unter der Tarnkappe hervorzuziehen.«
Durs Grünbein
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Probe
FELIX HARTLAUB
»Wir sehen uns gleich nach Ende des Krieges.«
1913 in Bremen geboren als Sohn des Kunsthistorikers Gustav Friedrich Hartlaub, danach aufgewachsen in Mannheim; frühe Schreib- und Malversuche; 1928 bis 1932 Besuch der Odenwaldschule, seitdem Bekanntschaft mit Erna und Klaus Gysi; Mitarbeit am dortigen Theater, eigene Dramen u.a. über den Bauernkrieg;
1932/33 Längere Aufenthalte in Frankreich und Italien;
1933 Entlassung des Vaters als Direktor der Mannheimer Kunsthalle (wegen seiner Vorliebe für moderne Kunst); Schließung der Odenwaldschule durch die Nazis;
1933 Beginn des Studiums der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Heidelberg, ab 1934 in Berlin; enge Freundschaft zu Erna Gysi, zu Klaus Gysi und Irene Lessing und anderen, die sich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus engagieren (z.T. als Mitglieder der verbotenen KPD).
Diese Freundschaft dauert bis zu Hartlaubs Lebensende an;
1939 Promotion in Geschichte; ab September 1939 Soldat (»Kriegsaufzeichnungen aus Deutschland«). Stationierung in Bad Saarow, Wilhelmshaven und am Nord-Ostsee-Kanal; Ende 1940 bis August 1941 Arbeit in Paris als Zivilangestellter im Archiv des Auswärtigen Amtes (»Kriegsaufzeichnungen aus Paris«);
Ende 1941 bis März 1945 als historischer Sachbearbeiter im Rang eines Obergefreiten zunächst in der Abteilung »Kriegsgeschichte« beim OKW in Berlin, dann Versetzung in die Abteilung »Kriegstagebuch« beim OKW in den »Führerhauptquartieren« in Winniza (Ukraine), Rastenburg und Berchtesgarden (»Aufzeichnungen aus dem Führerhauptquartier«). Danach Entlassung;
April 1945 letzte Aufenthalte in Heidelberg bei seinem Vater und in Berlin bei Irene Lessing und Klaus Gysi. Ihr Angebot, sich bei ihnen zu verstecken, lehnt Hartlaub ab. Am 20. April erreicht ihn ein Gestellungsbefehl zu einer Einheit in Spandau. In diese Richtung fährt er am 21. April in Uniform mit der S-Bahn. Sein letzter Satz zu Irene Lessing, die ihn zur S-Bahn Nikolassee bringt, ist ein Zitat aus Haseks »Schwejk«: »Wir sehen uns gleich nach Ende des Krieges.« Seither ist er verschollen.
Brief an Klaus Gysi und Irene Lessing (Auszug)
Wilhelmshaven, 14. September 1939
Liegen „am A... der Welt“, in einer trostlosen Gegend, wo riesige Bauvorhaben der Vorkriegszeit sich mühsam weiterfristen. Ein riesiger Bagger jammert tagaus tagein, und auch Nachts, unmittelbar vor unserer Tür. Unsere Nachbarn unglückliche junge Marine-Artilleristen, die recht ausgiebig an ihren Geschützen gedrillt werden. Die obligaten blöden Möwen - Mäuse ziehen sich winterlich nach den menschlichen Siedlungen hin zusammen -, Gestank nach toten Fischen, und am Horizont mit Kränen und Masten die Stadt, sonst nichts. In die Stadt kommen wir so gut wie nie, es ist zu weit. Nachts Mond, Wind und Stahlregen von Flaksplittern. Einige wenig überzeugende Bombentrichter gibt es hier auch in der Nähe. Schlimm ist der Sender Bremen, der uns nach unserer Belieferung mit Volksempfänger Tag und Nacht in den Ohren liegt; zum Glück meist auf englisch und holländisch, was hier leider nicht gesprochen wird. Im Augenblick macht sich der Krematoriumsdirektor, unser Chef, Bratkartoffeln, die herrlich schmecken, Willi (von Silberstein) liest mit gerunzelter Stirn das Buch „Eine Armee meutert“ von Ellinghofer (über die französischen Meutereien im Weltkrieg nach der Nivelle-Offensive) und ich häufele um mich die Fundamente eines neuen Zettelkastens, Ausdruck der wachsenden Torschlusspanik, in der ich mich in Bezug auf meine eigene Produktion befinde.
Das Bier, das wir vor uns haben, rührt von einer der vielen
verlorenen Wetten über den Termin des Kriegsendes her. Heute nacht kommen die Urlauber zurück, darunter zwei grosse Maulerotiker, so dass es mit der Ruhe hier weitgehend zu Ende sein wird. - Völlig unwahrscheinlich, wie harmlos, fast idyllisch wir es hier wieder mal getroffen haben. Merkwürdig auf Eis gelegt, unwirklich suspendiert kommt man sich vor, aufgespart wofür? Während der Nachtwachen ergehe ich mich in krampfhaftem Plänemachen für eine ev. Wiederaufnahme der zivilen Existenz, ohne dabei Festland zu gewinnen. Die Jahreszahl des Geburtstags, den ich neulich wieder durchmachen musste, hat bereits einen gewissen krassen Klang von allerhöchster Eisenbahn. - Von der Weltgeschichte strebe ich mit allen Fasern weg, habe das immer penetrantere Gefühl, dass dabei das Meiste nicht stimmt. Die Völker und Menschen sind nicht dabei und darin, obwohl sie die Heere stellen.
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Autorin/Autor
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Monika Marose,
1962 in München geboren, Studium der Literaturwissenschaft in Bochum und Essen; 1989 bis 1999 wissenschaftliche Mitarbeiterin in Essen; 1993 Mitarbeit an der Ausstellung »Felix Hartlaub Die Zeichnungen«, in der Frankfurter Schirn, 2000 Promotion über Felix Hartlaub. Sie lebt in Essen. |
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