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Ulf Mann
Tunnelfluchten
Grenzgänger, Wühlmäuse, Verräter
Die kleine »Straße der Tunnelbauer«, 1962, im Jahr nach dem Mauerbau:
Genau dokumentierte Fluchtgeschichten voller Dramatik, Witz, Gemeinheit und manchmal auch Verrat.
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220 Seiten, 100 Abbildungen, davon 20 vierfarbig, Pläne und Dokumente, gebunden € 19,80 (D) / CHF 34,80 ISBN 3-88747-202-0
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Inhalt: Tunnelfluchten
Ein Buch über eine Straße in Berlin-Neukölln, die Heidelberger Straße an der Grenze zu Berlin-Treptow und seit 1961 mit der Mauer konfrontiert, von der aus auf einer Strecke von weniger als hundert Metern, meistens von denselben Leuten (davon wiederum die meisten Mitglieder der Fleischerinnung), in einem einzigen Jahr (1962) mindestens zwanzig Tunnel unter der Mauer gegraben und etliche Menschen in den Westen geholt (in der Fachsprache: geschleust) wurden. Die Straße hieß denn auch »Straße der Tunnelbauer«, in der Boulevard-Presse sogar »Straße der Tränen« der Tränen, weil hier sowohl Freudentränen (nach gelungener Flucht, z.B. eines kompletten Zirkus’), aber auch Tränen der Wut und der Trauer flossen (nach mißlungener, verratener und einmal auch mit Tod endender Flucht).
Der Autor, minutiös recherchierend, schreibt über das Schicksal der Tunnel und ihrer Erbauer, über Erfolg und Verrat, ergänzt durch viele Dokumente (aus den überlieferten Akten der Stasi ebenso wie ein zufälliger Fund aus den Berichten der zuständigen West-Berliner Polizeidienststelle) und Fotos von Amateuren, von der Stasi und der Presse.
Im detailgenauen Rückblick zeigt sich noch einmal die Absurdität des Mauerbaus, aber auch die Fähigkeit und Pfiffigkeit von Menschen diesseits und jenseits der Grenze, sich mit den politischen Fakten nicht einfach abzufinden, sondern sie mit Phantasie zu umgehen bzw. zu »untergraben«.
Das Buch zeigt beispielhaft, daß Grenzen von Menschen nie akzeptiert werden, daß sie vielmehr alle Energie und allen Mut zusammennehmen, um sie zu überwinden.
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Probe
Bis November 1962 hatte die Staatssicherheit Kenntnis von neun »Stollen«, Tunneln, die unter der Heidelberger Straße gegraben wurden. Nach Auswertung der Stasi-Unterlagen sind es aber noch ein paar mehr. ...
Ein großer Erfolg für die westlichen Fluchthelfer war ein siebter Tunnel: zwischen dem Bierkeller der Eckkneipe »Heidelberger Krug« und dem Keller von Foto-Boss, der davon aber nichts wußte. Nach Erkenntnissen des MfS waren die Helfer bewaffnet. Unter anderem mit je einer Pistole vom Kaliber 6,35 und 7,65 Millimeter. Weil die Kopier-Leute nichts mitkriegen durften, wurde das pfingstliche Wochenende ausgesucht. Es gelang 18, nach anderer Quelle 20, nach wieder anderer Quelle sogar mehr als fünfzig Menschen, darunter 4 Studenten und mehrere Kinder, die Flucht. Die Tunnel-Bauer haben aber aus Unachtsamkeit Dreck aus dem Tunnel mit nach oben gebracht und auf einem Sofa im Aufenthaltsraum deponiert. Und einer hat eine Schreibmaschine geklaut , das fiel am Dienstag nach Pfingsten auf. (Damals war der Pfingstmontag in der DDR offensichtlich noch ein Feiertag.) Das MfS wurde informiert, und die geplanten weiteren Schleusungen mußten abgesagt werden was auch gelang: es gab keine Verhaftungen. Aber das MfS machte ein paar »aussagestarke« Fotos. Die halfen ihnen jedoch nicht weiter … Ende Oktober 2004 wurde dieser Tunnel bei Straßenarbeiten beziehungsweise beim Verlegen von neuen Trinkwasserleitungen wieder entdeckt: eine achtzig Zentimeter breite Röhre ohne Stützen.
Ein achter, ein Anschluß-Tunnel, ist wenig erfolgreich. Ein Fluchthelfer wurde angeschossen und verhaftet. Die Fluchttunnel-Gräber benutzten den alten Tunnel, umgruben den von den Grenzern gesetzten Beton-Klotz unter der Staatsgrenze und auch den Betonklotz vor der Haus-Wand der Nr. 81 a; gruben dann nach schräg links zwanzig Meter weiter zur Elsenstraße 40. Dort sollte u.a. der Fleischer Erich V. rausgeholt werden.
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Autorin/Autor
Ulf Mann
lebt als ehemaliger West-Berliner jetzt in Kreuzberg, mitten in einem Berlin voller eingegrenzter Vergangenheit und grenzenloser Zukunft.
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