Yeah, Man!   Uwe Wiedenstried

Yeah, Man!

Wilde Jahre des Jazz

Die frühe Zeit des Jazz.
Die Dynamik einer neuen Musik. Die Pioniere einer grandiosen Erfolgsgeschichte:
Sidney Bechet, Duke Ellington, Louis Armstrong, Chick Webb , Bix Beiderbecke, Earl Hines, Thomas »Fats« Waller, Count Basie, Coleman Hawkins, Lester Young

 
160 Seiten, ca. 20 Abbildungen, Diskographie, Glossar, gebunden
€ 16,80 (D) / CHF 29,90
ISBN 3-88747-200-4

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Inhalt: Yeah, Man!

Am 8. August 1922 läuft spät abends ein Zug aus New Orleans in die Illinois Central Station Chicago ein. Unter den Reisenden ein etwas pummeliger Schwarzer in hellbraunem Anzug: Louis Daniel Armstrong. Unter dem linken Arm einen Koffer, kaum größer als ein Schuhkarton: darin sein Arbeitsgerät, ein Kornett. In der Innentasche seines Jacketts ein Telegramm: King Joe Oliver bittet ihn, in seine Creole Jazz Band einzusteigen. Als Armstrong seinen Fuß auf den Bahnsteig setzt, ist das für ihn ein harmloser Schritt; für die Musik entwickelt sich daraus eine gigantische Erfolgsstory: mit diesem Schritt verließ der Jazz die Freudenhäuser, die Friedhöfe und die Baumwollfelder Louisianas und eroberte zunächst die Neue und bald auch die Alte Welt.
Uwe Wiedenstried beschreibt die Entwicklung des Jazz zwischen Kunst und Showbiz, Mafia und Moneten, zwischen New Orleans, Kansas City, Chicago und Harlem, zwischen Plattenfirmen und Marktinteressen, Prohibition und Prostitution, Glamour-Revuen und Great Depression, Jim Crow (Rassendiskriminierung) und Weltruhm.
Er erzählt gleichzeitig eine neue Geschichte des Jazz: eine Geschichte genialer Musiker, der Erfindungen, der künstlerischen Konsequenz (und damit manchmal auch des Scheiterns) und eine Geschichte schönster Innovationen.
Hier schreibt jemand aus der jungen Generation, die sich für den Jazz begeistert als populären Ausdruck von Individualität, Witz und intelligenter Unterhaltung.

Dieses Buch swingt! Yeah, man.

 



Probe

Louis Daniel Armstrong, »Reverend Satchmo«
Geboren am 4. Juli 1900 in New Orleans, gestorben 6. Juli 1971 in New York.

Schwestern und Brüder, sperrt eure Ohren und Herzen auf, denn der Reverend hält euch jetzt 'ne Predigt, die 'nen guten Beat hat. Sie handelt von einem unserer Brüder, den ihr alle kennen werdet, und wer unter euch ihn dennoch nicht kennt, der wisse: Wenn dereinst die Heiligen ins Himmelreich marschieren, dann wird er mitten unter ihnen sein und Trompete blasen. – Hallelujah! Hallelujah!
Und es begab sich aber zu der Zeit, kurz bevor Al Capone Herrscher über Chicago wurde, daß ein Telegramm ausging von König Joe Oliver an unseren Bruder im fernen New Orleans: »Komm zu mir, Sohn, setz dich nieder zu meiner Rechten, und spiel dein Kornett, so wie ich es dich gelehrt habe.«
Unser Bruder tat wie ihm geheißen und stieg in den Abendzug, der ihn nach Norden in die Windy City brachte. Und sehet: Als er in der Illinois Central Station das Treppchen des Eisenbahnwaggons hinabstieg und seinen ersten Fuß von der letzten Stufe auf den Beton des Bahnsteiges setzte, da war dies für unseren Bruder nur ein winziger Schritt, doch ein großer, ein riesiger für die Musik.
Denn wisset: Mit diesem Schritt unseres Bruders ließ der Jazz auf immer die Freudenhäuser und Kaschemmen, die Friedhöfe und Schaufelraddampfer, die Baumwollfelder und Mangrovensümpfe Louisianas hinter sich und zog hinaus in die Welt, die Ohren der Menschen allüberall unter Gottes weitem Himmel zu betören, sie hören zu lehren, ihre Herzen zu erobern und ihre Seelen zum Swingen zu bringen. So merkt euch denn also: Diese Ereignisse nahmen ihren Lauf am achten Tage des Augusts im Jahre des Herrn 1922. – Blow it, boy.
Zwei Jahre spielte unser Bruder in der Creole Jazz Band von »Papa Joe«, wie er den König zeit seines Lebens in kindlicher Bewunderung nannte. Jeden Abend platzten die Lincoln Gardens aus allen Nähten; eintausend Menschen faßte das Lokal. Bix Beiderbecke, das versoffene Trompetengenie, war unter ihnen, die Dorsey-Brüder, all die weißen Musiker aus der Unterstadt kamen, um unserem Bruder zuzuhören.
Wie machte er das nur? Kaum hatte Joe Oliver ein, zwei Töne aus seinem Horn herausgeschmettert, stieg er mit brillantem, kraftvollem Sound ein in den Break und spielte die zweite Stimme zu der Phrase, die der König aus dem Stegreif improvisierte.
Da war nichts abgesprochen, nichts vom Blatt gespielt oder vorher eingeübt; er kannte die Gedanken des Königs, bevor dieser sie zu Musik werden ließ ...

 



Autorin/Autor

Uwe Wiedenstried,
geboren 1961 in Leer/Ostfriesland, lebt als freier Journalist und Autor in Münster.
Zahlreiche Veröffentlichungen, Ständige Mitarbeit in der Zeitschrift »Jazz-Podium«. Tenorsaxophonist in verschiedenen Jazzbands.


 



Pressestimmen

20. Juli 2005 / 3sat

Yeah, man!
Eine literarische Entdeckungsreise zum frühen Jazz
Inmitten schlammiger Mangrovensümpfe liegt die Stadt, deren Brodeln die Welt überschwemmen sollte: New Orleans. Hier steht zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts der siedende Schmelztiegel, in dem Ragtime, Gospels, Blues, Work Songs, Vaudeville und Schlager verquirlt wird. Ein extrem scharfes, heißes und neuartiges Gebräu entsteht: der Jazz. Ein völlig neuer Sound verbreitet sich rasend schnell. Jetzt erinnert ein neues Buch an »die wilden Jahre des Jazz« und dessen frühe Giganten.

Bombige Musik

Erfunden haben wollen den Jazz so einige, damals um die Jahrhundertwende. Und wer auch immer es für sich beansprucht hat: Das Wissen darüber, wer genau es gewesen ist, wird auf ewig in den Sümpfen Lousianas versunken bleiben. Fakt ist, dass dieses unerhörte Stilpotpourri ab ungefähr 1915 einschlägt wie eine Bombe. Doch warum nahm der Jazz seinen Anfang ausgerechnet hier? »New Orleans, das ist ein riesiger Eintopf auf der heißen Flamme der Karibik. Hier leben Menschen aus aller Herren Länder, aller Schichten, aller Zungen und Hautfarben. Es gibt keine Ghettos: ≠Amerikanische Neger‚, ≠Schwarze‚ aus Haiti, Kreolen, Franzosen, Spanier, Iren, Deutsche ˆ alle leben sie hier dicht und dicht kunterbunt durch- und nebeneinander. Alle spielen sie ihre eigene Musik. Jeder hört jedem zu, ob er will oder nicht. Tag und Nacht klingt hier von irgendwoher Musik, von wem auch immer.«

Jazz von der Straßenecke

New Orleans, das hieß Jazz an jeder Straßenecke, bei jeder Beerdigung, in jedem Friseursalon und Bordell. In diese Zeit, zu den Anfängen, springt Uwe Wiedenstried in seiner Jazz-Anthologie »Yeah man!« zurück. Von dort zeichnet er die Entwicklung des Jazz nach, begleitet sukzessive zehn stilbildende absolute Größen auf ihrem Werdegang. Wiedenstried beginnt da, wo das junge Trompetengenie Louis Armstrong zu Beginn der Zwanziger Jahre dem großen Kornettisten King Joe Oliver nach Chicago folgt. »Mit diesem Schritt ließ der Jazz auf immer die Freudenhäuser und Kaschemmen, die Friedhöfe und Schaufelraddampfer∑ hinter sich und zog hinaus in die Welt.«

Der Autor lässt uns nacherleben, wie der unscheinbare Armstrong mit den Schmuddelklamotten auf der Bühne seine naserümpfenden Kritiker verstummen ließ und auch seine Meister in den Schatten stellte. Wir erfahren, wie er fast nebenbei und eher versehentlich den Scat-Gesang erfand.
Und auch, was an Armstrongs Spiel und Technik so anders gegenüber allen vorangegangenen und nachgefolgten Musikern war. Er ging als eine der prägendsten Jazzfiguren in die Musikgeschichte ein.

Die Wege der Großen

Jedem der zehn großen Jazzer widmet Wiedenstried ein eigenes Kapitel, in dem er die erfinderischen Neuerungen in Spiel und Stil jedes Einzelnen herausstellt. Er zeichnet Lebenslinien nach und lässt die Musik wieder aufleben. Die Fakten würzt er mit atmosphärischen Beschreibungen und griffigen Anekdoten. Er erweckt den inzwischen vergessenen Bix Beiderbecke wieder zum Leben und begleitet ihn, das versoffenen Genie, über die Bühnen und durch die Flüsterkneipen bis zu seinem frühen Tod. Wir begegnen Fats Waller, dem wuchtigen Zauberer an den Klaviertasten mit dem feinen Sinn für unsterbliche Melodien. Der zerbrach innerlich daran, dass das Publikum in ihm nur einen lustigen Lachsack und keinen reflektierten, gebildeten Künstler sehen wollte.

Wir gehen ein Stück weit mit Count Basie durch die 30er Jahre und begegnen seinem neuen, enorm swingenden Sound.
Ein äußerst intensives tête à tête haben wir mit dem großen Duke Ellington, dem gleichermaßen hochnäsigen wie genialen, eingebildeten wie gebildeten Arrangierwunder. Der ließ trotz allem Swing auch die musikalische Romantik und den Impressionismus in seinen Stücken durchscheinen. Mit irrwitzigen Instrumentierungen und harmonischen Wendungen lies er die Konventionen hinter sich. Er kreierte einen verblüffend organischen, neuartigen Sound, wegen dem ihm die ganze Welt jahrelang zu Füßen lag. Wir begegnen dem zerbrechlichen Drumwizard Chick Webb, den so gegensätzlichen Saxophonsensationen Coleman Hawkins und Lester Young, dem Tastentitanen Earl Hines und dem Sopransaxophonriesen Sidney Bechet.

Literarische Musik

Musik kann ausdrücken, wozu uns die Worte fehlen, und worüber Schweigen doch unmöglich ist. Beim Jazz will Wiedenstried nicht schweigen. Vielmehr unternimmt er den gewagten Versuch, die Musik in passende Worte zu kleiden. Er führt uns nicht nur von Dixieland über Swing hin zu Cool Jazz, Free Jazz oder BeBop, er versucht auch, den Sound der Musik in seiner Sprache nachhallen zu lassen. Auch die Atmosphäre von Zeit und Umgebung sowie das musikalische Selbstverständnis fängt er ein. Er nimmt die Themen auf, spielt mit ihnen, lässt Motive später erneut aufklingen. So schafft er innersprachlich musikalische Bezüge.

Wiedenstried beherrscht die Sprachregister, und an keiner Stelle wirkt seine Erzählweise überkonstruiert. Einen gewissen Manierismus kann man ihm manchmal nicht absprechen, aber auch darin kommt er dem Jazz verblüffend nahe.
Ein Coleman Hawkins schießt in seinen schnörkeligen Saxophonsoli auch schon einmal über das Ziel hinaus, ein Chick Webb wirbelt den Rest der Welt in Grund und Boden, ein Earl Hines kann wirken, als wolle er die Welt mit seinen Klavierkaskaden erschlagen. Auch überbetont Wiedenstried gern, der Superlativ ist einer seiner Duz-Freunde. Doch auch darin steht er dem Selbstverständnis der Jazz-Legenden nur wenig nach.

Liebeserklärung an den Jazz

Eins der wenigen gelungenen deutschsprachigen Bücher über den frühen Jazz liegt hier vor. Eine Liebeserklärung an die frühen Jahrzehnte eines damals revolutionär neuen Sounds ˆ rau, wild und zugleich samtweich - der in immer neuen Facetten noch heute um den Erdball schwingt. Kenntnis- und anekdotenreich, ohne die Künstler auf Klischees zu reduzieren, erzähl Wiedenstried mit einer Sprache, die den Klang der Musik wieder in den Ohren weckt, mit originellen Erzählhaltungen.

En passant erfährt man auch so einiges über die kulturellen Hintergründe ˆ über die »great depression«, über das frühe Plattenbusiness und Konzertmanagement mit seinen raffgierigen Managern, über Jim Crow und die Rassendiskriminierung, über Vaudeville-Theater, Minstrel-Shows, über verqualmte Clubs und Pot rauchende Saxophonisten.
Wir klopfen, Wiedenstried späht durch den Türschlitz, dann lässt er uns hinein und eröffnet uns diese ganz eigene Welt. It‚s all that Jazz!

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Ole Cordsen (Text) Birgit Réthy (Red.) / 3sat





Donnerstag, 9. Juni 2005

Hier knurrt die Trompete

Studs Terkel und Uwe Wiedenstried, zwei Bücher über die Pioniere des Jazz


Ein unfairer Vergleich, denkt man vorab. Der eine heißt Uwe Wiedenstried, ist Journalist und Tenorsaxophonist, Jahrgang 1961. Er kommt aus Ostfriesland.

Der andere heißt auch The Voice of America, lebt in Chicago und ist mittlerweile 93 Jahre alt. 93! Als Studs Terkel, der Graswurzeldemokrat und grumpy old man der oral history geboren wurde, war Louis Armstrong selbst erst 12 Jahre alt und hatte noch nie eine Trompete gesehen. Als Armstrong nach Chicago kam, um den Jazz zu revolutionieren, stand der zwölfjährige Studs regelmäßig vor dem Dreamland Ball Room und hörte zu, wie dieser Trompeter aus New Orleans mit funkelnd schrägen Akkordeon die ganze traditionelle Harmonielehre wegblies und nebenher den Jazz erfand, den Stop-Chorus, den Scat-Gesang mit seinen lautmalerischen Skid-da-doo-de-dat-Silben statt eines Textes und das improvisierte Duett-Solo: »Abend für Abend kam es zu jenen magischen Momenten, wenn sich im zweiten Chorus Joe Oliver mit seinem gedämpften Instrument ein Stück weit zu Louis hinwandte, woraufhin dieser in perfekter Synchronität eine zweite Melodielinie über die von Oliver legte - sie unternahmen einen gemeinsamen Ausritt. Louis wusste nie, wann das passieren würde, er spürte es einfach. Und die Zuhörer standen offenen Mundes da und konnten es einfach nicht fassen.«

Terkel liebte diese Musik über alles. Vierundvierzig Jahre lange interviewte The Voice of America in seinem täglichen Studs-Terkel-Programm den kleinen und den großen Mann. Zwischen den Gesprächen spielte er täglich den Jazz der frühen Jahre. Seine Interviews kondensierte er zu Büchern, die ein Panorama Amerikas im 20. Jahrhundert entwerfen, in Büchern über den amerikanischen Traum, die Depression, den Weltkrieg, die Arbeit, Chicago, das Alter. Aber angefangen hat er 1957 mit den »Giganten des Jazz«. Jetzt ist diese Sammlung von Kurzbiographien auch auf Deutsch erschienen. Oh, muss das vibrieren, denkt man hoffnungsvoll, der war doch Ohrenzeuge, hat sie alle gekannt. Und dann ist man am Ende beinahe enttäuscht.

Natürlich, das sind interessante Typen und dramatische Lebensgeschichten, trauriger manchmal als jede Blue Note-Komposition: Bessie Smith, die krepieren muss, weil ein Krankenhaus sich wegen ihrer Hautfarbe weigert, sie als Patientin aufzunehmen. Der kleine Bix Beiderbecke, der im Alkohol ertrinkt, noch ehe er überhaupt erwachsen wird. Terkel kann, wie so oft in seinen Büchern, in wenigen kräftigen Strichen ein ganzes Leben umreißen. Wie Kurzfilme in Cinemascope. Aber die Musiker?

Es ist beim Lesen, als schaute man ihnen von der Straße aus durch eine dicke Fensterscheibe zu. Man hört sie kaum einmal spielen oder singen. Viel zu wenig schreibt Terkel über ihre Musik. Einmal erzählt er, wie der zehnjährige Bix Beiderbecke am Ufer des Mississippi sitzt. »Bix hatte keine Augen für den Fluss. Er lauschte. Aus einem Riverboat tönte eine Musik herauf, die bereits von seinem Gehör Besitz ergriffen hatte: Jazz.« Tja, nun. Jazz. Bix hatte keine Augen für den Fluss. Und Studs hat kaum Worte für den Jazz, der da vorbeiweht.



Die rechtwinklige Triole

Uwe Wiedenstrieds Kapitel über den so jung verstorbenen Beiderbecke beginnt mitten in einem Stück: Im Jahr 1928 mühen sich ein paar Weiße in einem Tanzorchester vergeblich um den Klang, der seit einem Jahr Amerika elektrisiert, den Scat-Gesang von Louis Armstrong. Bei den Nachfahren deutscher Einwanderer klingt das »baba-dee-dab« so ausbuchstabiert und rechtwinklig, dass es ein Graus ist. Plötzlich aber steigt aus dieser abgeschmackten Klangbrühe der Ton eines Kornetts auf. »Ist das überhaupt ein Kornett« Der Sound ist so satt, so rund, so voll wie der eines Flügelhorns Sˇ Für diesen Sound gibt es noch kein Wort. Das Wort dafür prägte Jahre später ein Schwarzer, der Tenorsaxophonist Lester Young: ›Cool‹. Dieser Kornettist bläst cool. Das heißt, irgendwie scheint der gar nicht zu blasen. Seine Phrasen entwickeln sich so selbstverständlich, so logisch, ja natürlich, als bereite ihm das Spielen überhaupt keine Mühe. Die Töne entsteigen seinem Instrument mit einer Leichtigkeit, die Sˇ nein, wirklich, der bläst nicht, der atmet.«

Der da zuhört, scheint live dabei zu sein. Und er hört im Zustand der Verblüffung zu. So als erklänge diese Musik zum ersten Mal. Während Wiedenstried Beiderbeckes Spiel in atemlosen Formulierungen einzufangen versucht, meint man hinter seinen tastenden Halbsätzen tatsächlich dessen Kornett zu hören.

Terkel und Wiedenstried schreiben beide im schnoddernden Ton des melancholischen Tresenhockers, der kopfschüttelnd Anekdoten von der großen alten Zeit erzählt. Dieser Ton des kunstvoll aus der Hüfte getroffenen Porträts passt zu der Epoche: Prohibition und Cotton Club, die harten Jahre eben. Wiedenstrieds szenische Porträts haben selbst etwas von Noirkrimis: Kaschemmen, in denen sich das Funzellicht in Alkoholpfützen spiegelt, Agenten, die mit einer Pistole unterm Jackett ins Büro kommen Sˇ

Louis Armstrong, Bix Beiderbecke, Thomas Fats Waller, Count Basie und Duke Ellington - Terkel nennt seine 13 Helden die »Giganten des Jazz«. Wiedenstried porträtiert in dem schön aufgemachten Band »Yeah, man!« Zehn »Erfinder des Jazz«, wie er sein Vorwort überschreibt. Erfinder und Giganten. Das eine klingt nüchtern, das andere hagiografisch. Über Erfinder will man wissen, was sie erfunden haben. Giganten sind mythologische Figuren, und im Mythos wird nun mal nichts erklärt. Schade.

Duke Ellington wusste lange nicht, ob er nun Maler oder Musiker werden sollte. Terkel erwähnt diese Doppelbegabung in einem Satz, Mund abputzen, das war∂s, weiter im Text. Wiedenstried hingegen arbeitet aus den Kompositionen des Duke immer wieder die Arbeit des Klangmalers heraus, der seine eigenen Stücke neu einzufärben vermag, indem er sie seinen wechselnden Musikern immer anders auf den Leib und aufs Instrument schneidert. Heute ist der Klang dieser Kompositionen mit dicker Schellack-Patina überzogen. Wiedenstried lässt einen wieder hören, was so unerhört neu war am indigoblauen mood-sound. »Zu dem langen Ton wird jetzt Bubber Miley mit seiner Trompete einen Kommentar knurren. So macht man∂s. Das ist Jazz.«

Ja, so macht man∂s, das ist Jazz. Und selten hat einer so gut in deutscher Sprache darüber geschrieben.

ALEX RÜHLE


Jazzpodium 6/05