|
|
| |
|
|
|
|
 |
|
Uwe Johnson
«Sofort einsetzendes Geselliges Beisammensein»
Rechenschaft über zwei Reisen
Eingeleitet und kommentiert von Klaus Baumgärtner
Vier Briefe über zwei Reisen (1972 und 1973) nach Leipzig, Uwe Johnson in großer Form: literarische Glanzstücke, tückische Ironie, umwerfend komische Beobachtungen. |
|
: Inhalt : Leseprobe : Autorin/Autor : Pressestimmen
: Vorschau / Neue Bücher
: Zurück
|
|
|
|
|
|
128 Seiten, 20 Faksimiles und Fotos, gebunden € 14,80 (D) / CHF 26,60 ISBN 3-88747-198-9
|
|
Sie erhalten unsere Bücher in jeder gutsortierten Buchhandlung.
Wenn Sie über das Internet bestellen wollen, finden Sie Ihre Buchhandlung über www.buchhandel.de. |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|

 |
Inhalt: «Sofort einsetzendes Geselliges Beisammensein»
Ende 1972, mehr als 13 Jahre nach seinem »Umzug« von Leipzig nach West-Berlin, und elf Jahre nach dem Bau der Mauer, darf der inzwischen weltweit anerkannte Autor Uwe Johnson zum ersten Mal wieder nach Leipzig reisen: zu seinem Freund, dem Musikwissenschaftler Eberhard Klemm, einem Mitglied des legendären Freundeskreises während Johnsons Leipziger Studentenzeit Mitte bis Ende der fünfziger Jahre.
Diese Reise ist mehr als ein privates Wiedersehen: es ist eine Zeitreise, eine Wiederbesichtigung des »Stadtkreises Leipzig«, eine Wiedererkennung der DDR (und aller Gründe, sie verlassen zu haben), eine Konfrontation mit früheren und aktuell erlebten sozialen und kulturellen Gegebenheiten.
Diese Reise (und eine zweite, etwa ein Jahr später und ebenfalls nach Leipzig) gestaltet sich so bemerkenswert, daß Uwe Johnson zwei weiteren Freunden aus seiner Leipziger Zeit, Klaus und Sabine Baumgärtner (die wie er in den Westen geflohen waren), an deren Stuttgarter Adresse lange Briefe schickt - 15 bzw. 24 dichtbeschriebene Schreibmaschinenseiten nebst jeweils fünf Seiten »Berichtigungen und Nachträge« -, die zu dem Aufregendsten und Kuriosesten gehören, was der geniale Briefeschreiber Uwe Johnson je zu Papier gebracht hat:
»133 Absätze über Anreise, Wohnsitz, Fernsehen, Gewürze, Institut, Vorfälle, Kinder, Absichten, Heizung, Ostreisen, Westreisen, Musik, Universität, Familie, Sprache, Bücher und Verlage, Abschied und Abreise undwerweißwas sonst im Bericht zu 1972 und dann wiederum ebensolche 137 Absätze ein Jahr darauf im Bericht zu 1973.« (Klaus Baumgärtner in seiner Einleitung)
|
|
|

 |
Probe
Die wissenschaftliche Vorbereitung der Reise umfasste ein Studium der Fahrplanstrecke 600, Berlin-Leipzig/Halle-Erfurt-Eisenach, den Erwerb dreier grossjähriger Fahrtausweise sowie auch dreier Platzkarten im Wagen 3 des D 274, ab Ostbahnhof 14:19, an Leipzig 16:40.
Die wissenschaftlichen Hindernisse begannen im Ostbahnhof um 14:05 mit einer Durchsage, die eine Abfahrt in dieser Station aufkündigte und auf die von Flughafen Schönefeld verschob. Die passende S-Bahn fuhr statt um 14:10 um 14:12, so
| |
|
 |
|
| |
|
Proben zu einem Faustfilm. Links: Béla Klemm, rechts: Uwe Johnson, Leipzig, Mitte fünfziger Jahre
Fotobestand Sabine Baumgärtner
|
|
dass sie die Station Schönefeld erreichte um 14:42, als der D 274 abfahren sollte. Schwer bepackt huschten die Leute über die Treppen auf den hölzernen Querbahnsteig zum angegebenen Niedergang, wo sie von gleich zwei Beamten auf einen noch weiteren gewiesen wurden. Dort stand ein Zug, zur Hälfte aus Doppelstock-, zur anderen aus gewöhnlichen Wagen bestehend, und die Aufsicht rief die Kunden als »liebe Fahrgäste« zu grösserer Eile auf. Als auch Elisabeth eine Tür geentert hatte, war sie nur bewusstlos am Leben.
Die Hindernisse wurden fortgesetzt durch die Kennzeichnung eines der Doppelstockwagen, im hinteren Zugteil, als Nummer 4. Davor und dahinter hatten solche Schilder gefehlt. Im Inneren des Zuges, im Teil der konventionellen Wagen, kam die 4 noch einmal vor. In einem Durchgang lagen zwei Nummernschilder am Boden, jeweils die 2. Durch anhaltendes Suchen nach der uns vorgeschriebenen 3 gelangten wir bequem an die Spitze des Zuges und wollten uns wenigstens auf die Kopf-Qualität des Bahnhofs Leipzig freuen, wenn wir schon falsch sitzen mussten.
Die Freude zu unterstützen, unternahm ich eine Reise zur Getränke-Ausgabe, auf den Eintrag im Fahrplan vertrauend. Das Buffet befand sich im Doppelstockteil, von uns getrennt durch eine verschlossene Tür und blanke Puffer. Diese Aufgabe wurde gelöst durch einen Dauerlauf in Jüterbog, von der Spitze des Zuges zum hinteren Teil, unter anfeuernden Rufen des Begleitpersonals: Junger Mann, steijn Se ein, mr wolln abfahrn! Der Buffetraum bestand aus zwei unteren Teilen des Wagens, gegen die hinteren mit Segeltuch verhängt. Vor der Theke und auf der angrenzenden Bühne fand eine Kundenversammlung statt. Mann aus Aue erklärte sawjetski offizer: Maja schenzina natschalnik; me budet porusski. Ein Junge aus den frühen Erzählungen Hemingways schnitt den Erwachsenen mit Blicken die Augen aus. Von der Familie getrennt, betrachtete ich mit grösserem Entsetzen zwei Schilder auf dem Boden:

wohin wir gar nicht gewollt hatten. Nach Dauerlauf in Wittenberge zum vorderen Zugteil, das Erworbene zwischen sechs Fingern (-Kuck mal, der hat Radeberger!), fand ich Kind und Weib gleich hinter der Lokomotive. Elisabeth war enttäuscht von der Limonade, die sie bestellt hatte, und tröstete sich mit dem Kognac, den ich in der Hosentasche für M 3.75 mitführte. Dann kamen wir gleich nach Einnahme des Mittagessens in der Dunkelheit des Ägyptischen Hauptbahnhofmuseums von Leipzig an und Béla sagte: Da seid ihr ja!
|
|
|

 |
Autorin/Autor
Uwe Johnson, 19341984, gilt als der wichtigste deutschsprachige Autor der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Klaus Baumgärtner (1931-2003), Literaturwissenschaftler und Linguist, studierte wie Uwe Johnson in den fünfziger Jahren u.a. bei Hans Mayer in Leipzig und gehörte mit seiner Frau Sabine zum engeren Freundeskreis von Uwe und Elisabeth Johnson; nach seiner Flucht war er zunächst Assistent bei Walter Höllerer in Berlin, dann Professor für Linguistik in Stuttgart.
|
|
|

 |
Pressestimmen
Märkische Allgemeine Zeitung, 11. 10. 2005
Zwei Reisen, vier Briefe und die Besichtigung der Vergangenheit
Ulrich Matthes liest im Hans Otto Theater aus Reiseberichten von Uwe Johnson
von Claudia Höhn
Als Uwe Johnson 1959 die DDR verließ und in den Westen »umzog«, wie er selbst es nannte, verließ er zugleich die Freunde aus seiner Leipziger Studienzeit. Zwei Jahre später stand die Mauer. So dauerte es 13 Jahre, bis der Schriftsteller, ermöglicht durch den Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, erstmals wieder nach Leipzig reisen konnte, Frau und Tochter im Gepäck.
Von dieser ersten Reise 1972 und einem weiteren Aufenthalt im Hause des Freundes und Musikwissenschaftlers Eberhardt »Béla« Klemm gut ein Jahr später schickte Uwe »Ossian« Johnson insgesamt vier Briefe nach Stuttgart zu Sabine und Klaus Baumgärtner - »auf dass ihr werdet wie die Kinder: und malt es euch aus.«
Wie Klemm und der Linguist Manfred »Jake« Bierwisch hatte auch Baumgärtner in den 50ern zum Leipziger Freundeskreis gehört. 30 Jahre nach ihrem Entstehen hat Baumgärtner Johnsons Briefe für den Transit-Verlag ediert. Zugleich hat er das liebevoll gemachte, mit Fotos und Faksimiles ausgestattete Bändchen mit einem Nachwort versehen, das unkundigen Lesern einen Einblick in die Freundschaftsbande gibt. An manchen Stellen lässt er die Leser durch Anspielungen und eine verrätselte Sprache jedoch auch quasi vor der Tür stehen. Zumal der Band nur sparsam kommentiert ist.
Das mindert indes nicht den Unterhaltungswert eben jener den Freunden eigenen Sprache, die »praktisch jede Passage mit tückischer Ironie und Leutseligkeit, Sarkasmus und schnöder Nachsicht geradezu durchtränkt« (Klaus Baumgärtner). Auch Johnson befleißigt sich einer humoristisch bis sarkastischen Schilderung dessen, was er auf den Reisen vorfindet. So bezeichnet er seine Tochter Katharina als »das kapitalistische Kind« und sich selbst als einen »staatlich geprüften Reisekader«.
Johnsons »Rechenschafts- und Forschungsberichte« bezeugen eine Zeitreise in die Vergangenheit und die Wieder-Besichtigung alter Orte wie Freundschaften. Sie schildern das Alltagsleben in der DDR ebenso wie ganz persönliche Beobachtungen in munteren Sprüngen. »Revueberichte« nennt sie Johnsons Adressat und Herausgeber Klaus Baumgärtner, ein »fortlaufendes Staccato von Unterbrechung, Abschweifung, Seitensprung, Einbiegung, Rückschwung«. Viele Passagen nähern sich liebevoll, akribisch, bissig dem Freund »Béla« Klemm an. Ein Beispiel: »In solchen Momenten hält er den Nacken, als käme gleich die Katze Schicksal und trüge ihn davon.« In die Freude an Skurrilem mischen sich Seitenhiebe gegen die real existierende DDR: »Westgespräche im Dienst sind nun verboten. Könnte der Hörer am westlichen Ende doch mitbekommen, dass im Bereich Frankfurt an der Oder zwei Bademeister fehlen und die Frage des Nachwuchses eine ungewisse ist. Für so gut hält die D.D.R. die Schaltqualität ihrer Leitungen.«
Die Besuche der Johnsons in Leipzig bewiesen neben der anhaltenden Freundschaft zugleich ein Fremdgewordensein an der DDR mit ihren alltäglichen Maßregelungen und Anmaßungen. Der ehemalige Student war nun West-Besuch, der sich spaßeshalber im Sächsischen übte und am Ende noch einmal den Beschluss bekräftigt sah, »in diesem Lande nicht zu bleiben«.
Aus diesem kleinen, feinen Buch wird der diesjährige Schauspieler des Jahres, Ulrich Matthes, einige Passagen lesen. Der 46-jährige Berliner gehört zum festen Ensemble des Deutschen Theaters, steht dort aktuell als Shylock in »Der Kaufmann von Venedig« auf der Bühne und ist für seine Hörbücher berühmt.
Nordkurier, 25. 10. 2004
Briefe als Zeichen der Freundschaft
Uwe Johnson zu Besuch in Leipzig Eine nüchterne Bestandsaufnahme des
DDR-Alltags
In diesem Sommer saßen zum ersten Mal nach vielen Jahren Manfred Bierwisch und Joachim Menzhausen wieder beieinander. Bierwisch, einer der renommiertesten Linguisten der DDR, und Menzhausen, langjähriger Direktor des Grünen Gewölbes in Dresden, sind die letzten „Überlebenden“ des einstigen legendären Leipziger Freundeskreises um Uwe Johnson.
Wie wichtig Johnson selbst diese Freundschaften gewesen sind, verdeutlicht ein sehr schönes Buch aus dem Transit Verlag, der auch schon einen Band mit Johnsons Briefen an seinen Kollegen Jochen Ziem vorlegte.
Als der damals 25-jährige Johnson 1959 der DDR endgültig den Rücken kehrte, beschrieb er es mit den Worten: „Am 10. Juli 1959 bin ich in West-Berlin aus der S-Bahn ausgestiegen.“ Als Flucht wollte er diesen Schritt nie verstanden wissen, stets war von einem Umzug, einer Übersiedlung die Rede.
Zwei Jahre lang trafen sich die fünf Freunde und einige Freundinnen unter ihnen Elisabeth Schmidt, die 1962 Johnsons Frau werden sollte vorzugsweise bei Johnson in Westberlin. Durch den Bau der Mauer 1961 war er dann „mit einem Schlag getrennt von allem, was östlich vom Brandenburger Tor gelegen war, ihm die Umgebung für seine Arbeit und die Lebensbasis geboten hatte, zuletzt vor allem in Leipzig“, konstatiert Klaus Baumgärtner, Herausgeber dieser eindrucksvollen Dokumente und als einer der Freunde auch Adressat der Briefe.
Erst 1972 durfte der Schriftsteller wieder nach Leipzig fahren. Von zwei solchen Besuchen, 1972 und 1973 mit seiner Frau und Tochter Katharina zu Gast beim Musikwissenschaftler Eberhardt „Bela“ Klemm, von dieser „Expedition auch zurück in die eigene Biographie“ handeln vier lange Briefe, in denen er auf manchmal wehmütige, häufiger humorvoll-hintersinnige Weise Rechenschaft ablegt über das Wiedersehen mit der Stadt und den nie aus den Augen verlorenen Freunden.
Zugleich ist es aber auch eine nüchterne Bestandsaufnahme des Alltags in der DDR: „Spätestens am Donnerstagmorgen, als wir auf dem Polizeirevier gesehen hatten, wie die Organe mit ihren Menschen umspringen, waren wir entschlossen, die D.D.R. zu verlassen.“ In dieses Land, das einmal seine Heimat war, wollte er nur noch als Besucher zurückkommen. Der „Umzug“ von 1959 erwies sich als unwiderruflich.
Rainer Paasch-Beeck
Frankfurter Allgemeine Zeitung
23.05.2005, Nr. 117 / Seite 42
Von Nachsicht durchtränkt
Besuch in der DDR: Vier Briefe und zwei Reisen Uwe Johnsons
23. Mai 2005
Es gibt Schriftsteller, die ziehen nach ihrem Tod eine heftige Interpretations- und Editionsphilologie nach sich: Da wird der Nachlaß bis zur letzten verbliebenen Manuskriptseite geplündert. Der Meister solcher kometenhaften Rezeptionsproduktion ist zweifellos Arno Schmidt, der es mit dem »Bargfelder Boten« sogar zu einer eigenen Auslegungspostille gebracht hat.
Auch Uwe Johnson unterhält ein lebhaftes Auslegungs- und Interpretationsgewerbe. Ein Jahrbuch, zahlreiche Schriften mit philologischen Abhandlungen und zwei sehr schöne und aufschlußreiche Bände mit Stimmen von Freunden und Lesern zur Wirkungsgeschichte verdanken wir solchem Bemühen, das den Autor nicht nur als überaus konsequenten und eigensinnigen, sondern auch als einen in seinem Eigensinn zuweilen bis ins Schrullige komischen und bissig humorvollen Schriftsteller zeigt.
Zu den kleinen Schriften aus seinem Nachlaß gehört auch die Edition von vier Briefen, in denen Johnson zwei Reisen beschrieb, die er, da sie nach Abschluß des Grundlagenvertrags zwischen BRD und DDR möglich geworden waren, mit Frau und Tochter 1972 und 1973 in die DDR zur befreundeten Familie Eberhardt Klemms (einst Béla genannt) unternommen hatte. Über sie hat er damals seinen Freunden Sabine und Klaus Baumgärtner ausführlich berichtet. Baumgärtner gehörte ebenso wie Klemm und Manfred Bierwisch zu seinen Leipziger Studienfreunden, floh zwei Jahre nach Johnsons Übersiedelung nach West-Berlin in den Westen und war später Professor für Linguistik in Stuttgart. Bierwisch und Klemm blieben in der DDR.
Baumgärtner hat die vier Briefe ediert und mit einem tief in die Geschichte dieser Freundschaft führenden Nachwort versehen - er ist 2003, nicht lange vor der Publikation des Bändchens, im Alter von 72 Jahren gestorben.
Der Freundeskreis, der damals entstand, als Johnson, aus Rostock kommend, mit einem Manuskript des Titels "Ingrid Babendererde" in der Tasche in Leipzig eintraf, existierte von der Mitte bis zum Ende der fünfziger Jahre: ein, wie Rainer Nitsche in einer editorischen Notiz anmerkt, »ungewöhnlich kreativer, sich fast kabbalistisch gegen das realsozialistisch Genormte abgrenzender Kreis junger Menschen, die sich auf selbstbestimmte, neugierige Art der Literatur, der Kunst und der Musik« näherten.
Wer sich »kabbalistisch« den Normen verweigert, braucht eine eigene Sprache, in der er sich klandestin verhalten und im »kabbalistischen« Kreis selbst vermitteln kann. So etwas zeichnet, mit demselben politischen Grund, später die inverse Sprache von Hans Joachim Schädlichs Erzählungen »Versuchte Nähe« aus - und es grundierte auch schon die frühen Briefe Johnsons aus der Leipziger Zeit. Und es bestimmt, als ironische Wiederaufnahme der früheren Übung, diese vier Briefe, die, wie Baumgärtner in seinem Nachwort schreibt, »gewisse Kuriositäten verbergen oder dunkel anklingen lassen, ohne daß ihnen davon wortwörtlich Genaueres abzulesen wäre (womit auch der Naturalismus, der von einer prononcierten Rechenschaft eigentlich zu verlangen wäre, eher verfehlt wird). Die meisten Leser, die sich ohne Warnung den Berichten harmlos anvertrauen, dürfte besonders irritieren, mit welcher Raffinesse sich der Dichter eine Schreibweise zielbewußt heraussucht und zurechtlegt, die praktisch jede Passage mit tückischer Ironie und Leutseligkeit, Sarkasmus und schnöder Nachsicht geradezu durchtränkt.«
So bewahren sie, die Grenze zum Manierierten zuweilen freilich (bewußt) deutlich übertretend, auf scharf sezierende Weise die Verhältnisse in der DDR zu Anfang der siebziger Jahre in einer das grausig Spießige ihrer Gesellschaft komisch spiegelnden Nacherzählung.
Etwa so: »Wir waren in ein Land des entwickelten (L.V.Z.) Sozialismus gereist auch in der Hoffnung, dort vor bürgerlich-atavistischem Mythengut gerettet zu sein, aber womit begrüßte uns hier das Deutsche Reich durch seine Bahn? Mit einem automatisch beleuchteten Tannenbaum. Unser Entsetzen verlor sich erst auf den Treppen der Westhalle in den mächtigen Urinschwaden, die von rechts über uns und die Ecke von Blumen-Hanisch herfielen mit einer Gewalt, als sei sie von Fachleuten zu Forschungszwecken erzeugt. Wer dann seiner Nase nicht traut, ist noch einmal dankbar für sachverständige Begleitung und Auskünfte.«
Solch sachverständiger Auskünfte bedarf auch der Leser der hier nur sparsam kommentierten Briefe. Auch wenn sich ihm nicht jegliche Einzelheit der Briefe erschließt, liefert doch das ausführliche Nachwort Klaus Baumgärtners Ersatz - ein Text, der zuweilen selbst in die klandestine Sprache der frühen Jahre und den sie abbildenden Ton der Briefe schlüpft und in seiner Nachbildung dem Freundeskreis ein letztes ironisches Denkmal setzt: »Folglich, was alles mit dieser Skizze jetzt noch zu sagen bleiben könnte, läuft darauf hinaus, die denkwürdigsten gemeinsamen Momente aufzusammeln für eine Art letzter runder Flaschenpost über Bélas Leipziger Freundesbande, und das heißt auch, wovon und womit er sie über die Jahre zu unterhalten wußte.«
Und heute noch immer ihre und Uwe Johnsons Freunde und Leser.
HEINZ LUDWIG ARNOLD
|
|