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Inka Bach
Glücksmarie
Roman
Der Roman einer Kindheit, packend geschrieben aus der Perspektive des Mädchens Marie: eine Kindheit zwischen Ausbrüchen von Gewalt, Angst, Widerstand und einer geglückten Flucht
Soll er allein in den Westen abhauen!
Ein Leben ohne den Stiefvater,
das ist die Freiheit, die sie sich wünscht. |
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: Inhalt : Leseprobe : Autorin/Autor : Pressestimmen
: Vorschau / Neue Bücher
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160 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag € 16,80 (D) / CHF 29,90 ISBN 3-88747-194-6
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Inhalt: Glücksmarie
Inka Bach zeichnet das Bild einer äußerlich normalen, im familiären Alltag aber traumatischen Kindheit: Gewalt ist überall anwesend. Marie wächst bei Stiefeltern, erfolgreichen Wissenschaftlern an einem angesehenen DDR-Institut, auf; der Stiefvater, zum Schluß des Zweiten Weltkriegs noch als Soldat ausgebildet, ist gewohnt, sich durchzusetzen, auch mit körperlicher Gewalt, die er ganz selbstverständlich gegenüber der Stiefmutter und dann auch gegenüber dem Stiefkind einsetzt. Aus der Perspektive des Mädchens, in einer genauen Wahrnehmung und einer eindringlich lakonischen Sprache, wird diese familiäre Gewalt in Beziehung oder Kontrast gesetzt zu anderen Lebensbereichen: zu den etwas verschrobenen und geliebten Großeltern, zu Nachbarn, zu politisch rigiden Lehrern, zu Freundinnen und Freunden. Aus diesen anderen Erfahrungen bezieht das Mädchen schließlich eigene Maßstäbe, die Widerstand wecken gegen die vom Stiefvater erwartete und jederzeit durchgesetzte Unterwerfung. Als er beschließt, mitsamt »seiner« Familie aus der DDR zu fliehen, weigert Marie sich mitzukommen: sie will in der DDR bleiben, damit sie so, nach deren Flucht, von ihren Stiefeltern endlich »befreit« ist; als das aber nicht gelingt, Marie in den Westen mitfliehen muß, sucht sie sich eine andere Lösung ...
Ein Roman, der den Leser in eine andere Wahrnehmung, in eine packende Geschichte über Gewalt, wachsendes Selbstbewußtsein, Erschöpfung und Mut hineinzieht.
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Probe
Auf der blauen Spielwiese
Den Löffel in der Zuckerdose, den leckt man nicht ab, mit dem holt man den Zucker nur und tunkt ihn nicht in die Tasse mit dem Kakao und rührt nicht um mit ihm und leckt ihn nicht ab, da kriegt man eine gescheuert von Onkel Herbert. Und das wiederholt sich, weil ich es nicht begreife. Schau mal, Onkel Herbert, wie gut ich das kann! Und plumps, landet der Löffel in der Tasse bei der Aufregung und Angst, will es doch diesmal richtig machen und nur nicht wieder eine gescheuert kriegen.
Onkel Herbert bleibt, auch wenn er nicht schlägt, ein Schläger. Ein Schläger im Winterschlaf. Es ist in der Luft.
Wir sind vor drei Monaten, seit ich zur Schule gehe, in ein Eckhaus gezogen, in der Nähe der Mauer, mit vielen Fenstern und viel Licht, in eine Wohnung im zweiten Stock. Ein Haus an der Ecke der Uppsalastraße. Uppsala, ein geheimnisvolles Wort, ein geheimnisvoller Ort. Ein Schrecken sitzt darin, mit dem macht man einen Satz nach vorn, upps, um gleich davon zu springen, ala, allen Übermut hänge ich an dieses Wort und hüpfe mit ihm fort und über die Meere. Auf der Erde soll es noch andere Meere als die Ostsee geben, heißt es, tiefere, dunklere, wildere, mit Wellen wie Hochhäuser so hoch, höher noch. Sprachlose Wesen darin, das ist gut. Wesen ohne böse Sätze, die stummen Fische und die singenden Nixen und Meeresfeen und Undine. Ein Summen und Rauschen, ein Rufen und Sehnen, aber keine Worte, nur Gesang.
Mein Zimmer liegt neben der Eingangstür, zur Straße hin, dort fährt die Straßenbahn um die Ecke. Hinter dem Kinderzimmer liegen zwei Wohnzimmer, in der Mitte vom ersten die blaue Spielwiese, daneben die Schallplattenanlage, der Fernseher kommt später. Das Wohnzimmer an der Ecke hat einen Wintergarten mit Gummibäumen, ein Bücherregal, dazwischen steht der Eßtisch. Sonntags frühstücken Tante Carola und Onkel Herbert nicht vor Zwölf; ich habe viel Zeit, den Tisch zu decken. Das Schlafzimmer befindet sich über dem HO-Laden in der Uppsalastraße, zum Hof hin eine Kammer, in die nicht mehr als eine Liege paßt, daneben das Bad und gegenüber von meinem Zimmer die Küche. Dort wird die ganze Wohnung geheizt mit einem kleinen Ofen, der frißt eimerweise Kohlen und spuckt noch mehr Asche aus. Wir haben jetzt schon ein Telefon im Flur.
Die Uppsalastraße führt zur Mauer, hinter der Mauer liegt der Wedding, der Westen. Bis zum Mauerbau frage ich manchmal noch Tante Carola: «Fahren wir wieder in das Land, wo es Bananen gibt?» Irgendwann ist Schluß mit den Bananen.
Tante Carola färbt Augenbrauen und Wimpern, zupft mit der Pinzette störende Härchen über den Augen und um die Brustwarzen, feilt die Nägel ihrer schmalen Hände rund, schiebt die Haut über dem Nagelbett zurück, bis die Halbmonde schön zum Vorschein kommen; sie steckt die dunkel gefärbten Haare hoch übers Haarteil, sammelt Haarnadeln, Lippenstifte und Schuhe mit Bleistiftabsätzen, legt sich unter die Höhensonne, trinkt zum Abführen Karlsbader Salz und fährt auf dem Rücken liegend mit den Beinen Rad.
Ich bringe Tante Carolas Nylonstrümpfe mit den Laufmaschen zur Reparatur und hole sie wieder ab. Ich putze ihre Schuhe und würge wie sie das bittere Karlsbader Salz hinunter, zehn Gläser am Tag. Schlank sein. Wir scheißen uns die Seele aus dem Leib. Zum Karlsbader Salz kommt nun noch Cognac, denn Tante Carola entdeckt eines Tages, wenn sie Cognac am Abend trinkt, hat sie am nächsten Morgen abgenommen. Den Cognac probiere ich heimlich. Tante Carola sagt, ich sei fett, faul und gefräßig.
Das Paket mit der Bettwäsche, das ich einmal im Monat von der Reinigung hole, wiegt schwerer als der Sack, über die Schulter geworfen, mit der schmutzigen Wäsche, den ich ein paar Tage vorher hingebracht habe. Die Arme zittern vom Tragen. Zehn Pfund Kartoffeln und auch noch zehn Club-Cola-Flaschen. Jeden Morgen liegt ein Zettel auf dem Küchentisch mit einer Liste von Aufträgen, die ich nach der Schule zu erledigen habe, bis Tante Carola aus der Klinik kommt. Staubwischen, Asche ’runterbringen, Kohlen holen, sechs Eimer, abwaschen, Teppichfransen kämmen, alle Klinken und das Messing polieren, Glastisch und Spiegel putzen, den Müll ’runterbringen, Pflanzen gießen, Blumen, die Onkel Herbert Tante Carola geschenkt hat und nun verwelkt sind, werfe ich in den Müll. Tante Carola bekommt einen Tobsuchtsanfall: «Du hast meine Blumen, meine schönen Blumen weggeworfen!» Und verhaut mich.
Onkel Herbert wartet schon an der Wohnungstür, als Tante Carola spät in der Nacht von einem Faschingsfest in der Klinik nach Haus kommt. Er empfängt sie mit Tritten. Sie liegt am Boden. Er schließt die Tür, dann tritt er weiter. Zerrt sie an den Haaren hoch. Knallt sie mit dem Kopf an die Wand, faßt ihr in die Haare, nimmt ihren Kopf und knallt ihn an die Wand. Sie hat kreisrunde, schwarze Ringe um die Augen, die heißen Brillenhämatom, da kennt sie sich aus. Und kommen, sagt sie, vom Schädelbasisbruch. Sie ruft in der Nacht nach ihrem Vater, am Tag nach mir. Tante Carola liegt auf der blauen Spielwiese im Wohnzimmer, auf der sie nachts auch vögeln; ich kann es hören, in meinem Zimmer nebenan. Jetzt vögeln sie nicht. Er kommt nicht nach Hause. Ich pflege Tante Carola. «Sag, ich sei die Treppe ’runtergefallen, Marie!» «Natürlich, Mutti!» Sie hat mich immer wieder gebeten, sie Mutti zu nennen. Ich tue es nur selten. Tante Carola ist nicht meine Mutter. Ich kenne meine Mutter nicht. Sie ist schon gleich nach meiner Geburt verunglückt.
Der Gasgeruch ist immer da, er ist beim Kochen da und auf der Straße. Hat sich wieder wer umgebracht. Man muß nur den Gashahn aufdrehen und nicht den Feueranzünder an das ausströmende Gas halten. Das Gas zischt heraus, ich höre es strömen, ein Schleichen, Pfeifen, ein leiser Tod. Ich halte nicht durch, wieder nicht, reiße das Küchenfenster auf.
Man kann auch verbrennen. Tante Carola schläft unter der Höhensonne ein und erwacht krebsrot. Aber stirbt man, wenn man noch länger unter der Höhensonne liegt?
Man kann sich auch in der Badewanne ertränken, so wie beinahe der Opa, der beim Baden eingeschlafen ist und schon ganz blau war. Aber auch das schaffe ich nicht. Gehe lieber spazieren, würde am liebsten abhauen, stromere, scharwenzle, komme zu spät in den Hort oder spare ihn mir ganz. Nach der Schule brauche ich zwei Stunden für den Weg, den ich morgens in fünf Minuten schaffe, stehe an jeder Baustelle, gucke über Bauzäune und niemanden stört es, niemand stört mich. Komme in den Bummelstunden um die ganze Welt und zu mir. Onkel Herbert und Tante Carola werden erst spät am Abend zu Hause sein. Muß mich eben sputen beim Teppichfransenkämmen mit dem extra dafür vorgesehenen Fransenkamm, seid bereit! das hole ich schon auf!
Lade schnell noch zwei Freundinnen zum Taxifahren ein, dem Fahrer sage ich, wir müßten zur Frankfurter Allee und wieder zurück, unterwegs zähle ich erschrocken das Geld, 2,84 Mark der DDR, hoffentlich reicht das. Der Fahrer setzt uns wieder an der Uppsalastraße ab und will genau 2,84 Mark. Was für ein Glück in der Welt!
Wieder liegt Tante Carola tagelang auf der blauen Liege. Warum sie nur Spielwiese heißt? Nie spielen wir dort. Eine Wiese, die blau ist, taugt nicht zum Spielen. Sie ist das Lager für Tante Carola nach jeder Abtreibung, bis zur Antibabypille. Ein Dutzend kommt über die Jahre zusammen. Schließlich ist Onkel Herbert Gynäkologe und sorgt dafür, dagegen. Da wird nicht viel Federlesens gemacht. Tante Carola will kein Kind. Ich bin froh, wenn ich dich groß kriege. Aber geklagt und Vorwürfe gemacht und gesagt, was für ein Schwein! das hat sie schon. Er hat mich vergewaltigt, da wußte ich schon, es ist wieder passiert. Manchmal sagt sie Fehlgeburt.
Sie erzählt mir alles, denn ich bin ihre beste Freundin. Von der ersten Abtreibung an, auf dem Küchentisch in Köpenick, in der Studentenbude, die hat er noch selbst gemacht, erzählt mir ’s im Detail, mir wird ganz bang. Tante Carola retten! Und dann muß ich wieder die Beine breit machen.
Ich weiß nicht, ob alles stimmt, was sie mir erzählt hat. Es macht keinen Unterschied. Ich laufe innen Amok. Das wird so bleiben. Ich hätte gern eine Schwester, noch lieber einen Bruder. Aber Tante Carola läßt alle meine Geschwister abtreiben, sie verschwinden, eine ganze Fußballmannschaft mit Ersatzbank. Was ich mit der alles hätte anfangen können! Im Eimer. Onkel Herbert hat erzählt, daß die Frühchen in den Eimer kommen. Manchmal nennt er sie Frühchen, manchmal Föten, im Mülleimer, meine Halbbrüder, ich darf nicht vergessen, den Müll ’runterzubringen. Meine toten Halbbrüder werden zu Raben, die fliegen davon und leben auf Bäumen, irgendwann werden sie kommen und mich mitnehmen.
Mit elf Jahren entschied Marie, daß sie schreiben wird, mit dem Wissen, daß sie viele Sätze nicht schreiben darf. Das prägte ihren Stil. Das Malen beim Schreiben vermeiden. Kein Wort zu viel, keine Beliebigkeiten. Und das Warten darauf, daß Carola und Herbert irgendwann sterben würden. Vorher würde sie nicht beginnen können. Wen würdest du retten, wenn du, am Ufer stehend, ihn ersaufen sähest? Und wer würde dich retten? Würde dich deine Tante retten? Aber du sie. Dein Onkel würde dich vielleicht retten. Und du ihn?
«Es ist schade», sagt Tante Carola, «um jeden Satz, den du nicht schreibst.»
Onkel Herbert und Tante Carola haben inzwischen die Hoffnung aufgegeben, daß ich sie doch noch eines Tages Mutti und Vati nennen könnte. So bitten sie mich, wenigstens dieses alberne Tante und Onkel zu lassen. Ich mag sie aber nicht vertraulich mit ihren Vornamen ansprechen, also lasse ich ab sofort jede Anrede weg.
Ich bin nicht nur Carolas beste Freundin, ich bin ihre einzige Freundin. Für gemeinsame Freunde sorgt allein Herbert, Ehepaare, mit denen feiert und trinkt man. Eigene Freundinnen hat er Carola verboten. Er verbrennt die Briefe und Fotos aus ihrem früheren Leben. Dafür hat Herbert nun viele Freundinnen, wechselnde. Und gute Freunde, so gute Freunde sind sie, daß sie sich untereinander die Freundinnen weiterreichen. Carola muß nach der Abtreibung wieder ins Krankenhaus wegen einer Eierstockentzündung. In der nächsten Zeit spaziert fast jeden Tag eine andere hübsche Frau bei uns in der Wohnung herum. Herbert stellt sie mir der Reihe nach vor. Sie sehen alle ein bißchen Carola ähnlich. Die können ihr aber nicht das Wasser reichen, sagt eine Stimme in mir, Carolas Stimme. Die Frauen sind jünger als sie, Studentinnen, Doktorandinnen, und begeistert. Bevor Carola zurückkommt, verrate ich Herbert, welche mir am besten gefallen hat. «Die, mit der wir den Ausflug gemacht haben.» «Ach ja?» Er überlegt und nickt. Jetzt bin ich zur Abwechslung auch seine Beraterin. Für Carola beste Freundin, Kameradin, Komplizin im Leid und im Haß, für Herbert Kumpel. Ich tue mein Bestes. Für seine grünen Augen, für ihre braunen. Damit sie mich mal anschauen. Man soll seine Eltern achten und ehren, auch seine Stiefeltern. Und wenn sie Hilfe brauchen und Beistand und Rat, dann können sie sich auf mich verlassen. Es ist umsonst. Carola läßt sich nicht scheiden, Herbert heiratet keine seiner Affären.
Der Amok in mir läuft weiter. Wir lernen bald Schießen in der Schule bei der paramilitärischen Ausbildung. Ich bin gut im Schießen, kräftig genug, um das Gewehr ruhig zu halten, ich mag das scharfe, genaue Zielen, den wilden Amok auf einen Punkt bringen. Würde gern schreien. Um Hilfe, um Luft zu kriegen, um einen Menschen herbeizurufen, die Polizei, die Kirche, das Jüngste Gericht, einen Erwachsenen, der mich mal in den Arm nimmt. Habe alle Schreie verschluckt. Ich schreie nicht, ich schreibe, manchmal singe ich. Pfeifen kann ich nicht.
Ich habe einen im Nacken, der schlägt, ich muß ihn im Auge behalten. Prügel für eine Drei. Keine Reaktion bei einer Vier. Ich fälsche Carolas Unterschrift; unter der Arbeit steht eine Zwei minus. Die Sache fliegt auf, weil ich radiert habe. Herbert, großzügig bei Kleinigkeiten, sagt: «Warum hast du nicht alles abgestritten? Wir hätten dann schon gesagt, daß ich unterschrieben habe. Allerdings hätte ich dir hinterher einen Arschtritt gegeben.» Es bricht aus mir heraus. Ich werde auffällig. «Marie schlägt ihre Mitschüler.» Dabei erziehe ich sie nur, sie machen so viel falsch, die Rotzgören. Carola und Herbert nehmen den Eintrag im Klassenbuch gelassen zur Kenntnis, anerkennend: «Setz dich nur durch!» Herbert sagt: «Kindern muß man früh zeigen, daß das Leben hart ist, dann kommen sie durch.» Darum meint Carola wohl auch, mir ginge es zu gut, wenn ich in der Ecke hocke und mit niemandem rede, noch nicht einmal mit Carola, meiner besten Freundin, die sich doch nicht scheiden lassen will, obwohl sie es mir versprochen hat und jetzt sagt: «Dir geht es zu gut.» Sie sagt das nur, weil sie Angst hat, daß ich nicht durchkomme durchs Leben, ich weiß aber, wie ich durchkomme: Ich werde niemals heiraten. Ich habe mir längst das Schreien abgewöhnt, staple Steine in mir. Das Herz ist ein Eisklumpen, der Kopf tut weh von Tränen, die ich nicht weine, hinter der Stirn stecken sie fest, auch sie gefroren, die Stirn und die Tränen. Türmen sich auf, Eisberge, drükken von oben, drücken auf Schultern und Hals. Ich spüre die Last bis in die Finger, kann keine Faust machen, die Knöchel tun weh, ein Scherbenhaufen. Zwischendurch mal ein Aufbäumen, ein kurzer Ausbruch, bevor ich wieder starr in der Ecke sitze. Carola hat dafür zwei Sätze, ihre Lieblingssätze für meine Ausbrüche. Reiß dich zusammen! Und: Du bist wie dein Onkel.
Stupor (stupere starr sein); Zustand geistig-körperlicher Erstarrung bei Aufhebung aller Willensleistungen, meist ist auch der Denkvorgang eingeschränkt. Der Stupor ist eine Erscheinungsform verschiedener seelischer Grundstörungen und kommt z.B. bei Schreck oder Angst vor. Häufig bei Schizophrenen, besonders bei der Katatonie. Bei diesen Patienten ist die äußerliche sichtbare Erstarrung oft nur scheinbar, da sie entweder in einer vielfältigen, von Halluzinationen getragenen Traumwelt leben oder doch jedes Ereignis in ihrer Umgebung reaktionslos wahrnehmen! Da die Kranken völlig hilflos sind und zum Beispiel nicht essen, unter sich lassen usw., besteht eine absolute Indikation zur Einweisung, auch gegen den Willen uneinsichtiger Angehöriger!
Carola nimmt mich einmal mit und geht mit mir in die Kirche in der Straße neben der Klinik, in der sie arbeitet. Vom Gottesdienst hat sie nichts, schimpft nur auf die Kollekte. Ich merke es mir. Einige Tage später findet der Pfarrer Carola morgens auf den Stufen seiner Kirche, hört ihr zu, spricht dann auch mit mir. Der Pfarrer sagt, er möchte Carola retten. Ich zucke nur mit den Schultern, das war doch nur einer ihrer vielen Hilferufe, die zu gar nichts führen. Er sagt mir nichts Neues, aber dann doch. Er nennt, als er aufgibt, Carola stoisch. Sie füge sich in alles. In ihr Schicksal. Eine neue Sicht. Nicht schlecht. Fatalistisch, dumpf, stoisch ist die Preußin ihrem starken König ergeben. Herbert zwingt mich, dem Pfarrer ein Foto von uns drei schönen, lachenden Menschen in den Briefkasten zu stecken. Und die Episode mit dem Pfarrer ist beendet.
Carolas Kirchen sind die Läden. Aus den Fetzen raus! Die Schönhauser Allee auf der einen Seite hoch und auf der anderen wieder ’runter. Nicht mehr in Lumpen laufen müssen! Schals und Tücher, Röcke, Schuhe, Kosmetik, Mäntel. Wann tauchte das Kettchen an ihrem Fußgelenk auf? Gürtel, Handschuhe, Taschentücher. Half nichts. Blieb das ewige Aschenputtel, blieb benachteiligt, erniedrigt und beleidigt. Bei den Einkäufen bin ich ihr liebes Mädchen.
Bevor ich in die Schule komme, kauft mir Carola jeden Monat eine Kasperlepuppe, später, als ich schon lesen kann, jeden Monat ein Buch. Carola liest die Bücher, die sie mir schenkt, wir sprechen darüber, ein geheimnisvolles Band zwischen uns, das bleibt. Mein erstes Buch ist Die kleine Meerjungfrau, das Märchen von Hans Christian Andersen. Ich weine bittere Tränen, weil die kleine Meerjungfrau, ihrer schönen Flosse beraubt, mit artfremden Menschenfüßen unter Schmerzen wie auf Glasscherben laufen muß. Erst recht weine ich, weil sie, von ihrem Liebsten verkannt, verstoßen und als Betrügerin eingesperrt, im Kerker das fröhliche Hochzeitsfest des Mannes mitanhören muß, für den sie alles aufgegeben hat. Freude und Leid, das weiß ich, liegen dicht nebeneinander. Mit Beschimpfungen, auch Schlägen werde ich manchmal in mein Kinderzimmer verbannt, während Carola und Herbert nebenan mit ihren Gästen laut feiern.
Nachdem ich Tom Sawyer und Huckleberry Finn entdecke, beschließe ich wieder, abzuhauen und bereite akribisch in den Nächten meine Flucht vor, treibe mich auf dem Mississippi herum, bin abwechselnd Huck, der von seinem Vater verprügelt wird, und Tom, der sich inbrünstig vorstellt, wie Tante Polly nach seinem Selbstmord reumütig weinen würde.
Dann schenkt mir Carola zu Weihnachten Die schönsten Sagen des klassischen Altertums und die Griechen halten Einkehr. Mit ihnen gerate ich aufs offene Meer, bin abwechselnd Ares und Prometheus, Poseidon und Herakles. Segle als Odysseus mit dem Schiff auf’s offene Meer, um die schöne Helena zu befreien, und nun steht mir die Welt offen. Ich lande auf einsamen Inseln, steche in See, um Amerika zu entdecken oder um wissenschaftliche Forschungen zu betreiben wie Alexander von Humboldt. Ich bin jung oder alt, Mann oder Kind, ich bin Indianer, Neger, Soldat. Die Exkursionen beginnen immer am Meer und immer in anderen Häfen und an den unterschiedlichsten Stränden der Welt. Gestrandet bin ich manchmal auch.
Ich fürchte mich nicht mehr. Sie sind von allen guten Geistern verlassen, aber ich fürchte mich nicht mehr. Nur, wie soll ich das loswerden, daß ich bei jeder schnellen Bewegung zusammenzucke, daß ich zusammenfahre, wenn einer die Hand nur hebt? Was erschreckt dich? Atme tief durch! Ich darf nicht vergessen zu atmen. Mein Ja und mein Nein verteidigen, der Kinder wegen, der Liebe zu einem Mann wegen. Angst. Immer. Auch wenn ich Angst nicht zeige. Ich kämpfe. Kontraphobisch. Kann ja nicht immerzu sagen, bitte, schlag mich nicht, wenn gar keiner da ist, der mich schlagen will, aber es ist ja trotzdem da, aber nie schlag mich, das nicht, bitte nicht schlagen. Bis Angst die Liebe umbringt. Oder Liebe die Angst. Ich bin eine Zumutung, wenn ich nervös werde, weil er schweigt oder müde ist oder nachdenklich. Warum guckst du so böse? Warum sagst du nichts? Wie behandelst du mich denn? Ich behandle dich doch gar nicht. Ich bin kein Arzt! Es ist nicht zum Aushalten mit mir. Ich halte es mit niemandem aus. Ich halte es mit mir nicht aus. Undine geht, ein Leben wie unter Wasser, wo Wasser ist, kann man noch einmal leben, ich werde ja erst noch geboren.
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Autorin/Autor
Inka Bach, aufgewachsen in beiden Teilen Berlins, studierte Literatur- und Theaterwissenschaft, Promotion.
Zahlreiche Arbeiten (Regie und Drehbuch) für Film und Fernsehen sowie Hörspiele.
1998 Stadtschreiberin in Rheinsberg, 2002 in Erfurt. Sie lebt als freie Autorin in Berlin.
Ihre letzten Veröffentlichungen:
»Bachstelze. Erfurter Kolumnen« sowie das vielbeachtete Rheinsberger Tagebuch »Wir kennen die Fremde nicht«.
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| Fordern Sie für Presseveröffentlichungen die druckfähigen Abbildungen an bei: isolde@ohlbaum.de |
| Bach, Inka 01 |
Bach, Inka 02 |
Bach, Inka 03 |
Bach, Inka 04 |
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Pressestimmen
Potsdamer Neueste Nachrichten
Lachen und weinen gleichzeitig
Sie sieht sich selbst als einen glücklichen Menschen: Die Berliner Schriftstellerin Inka Bach über ihren Roman „Glücksmarie“, über den Berufsstand der Mediziner und das Kribbeln beim Lesen.
Frau Bach, in „Glücksmarie“ erzählen Sie die Entwicklung von Marie, einem kleinen Mädchen, das nach dem Unfalltod seiner Eltern bei Onkel und Tante in der DDR aufwächst. Was Sie beschreiben ist nicht gerade eine heile Welt.
Maries Stiefvater ist ein brutaler „Macho“, der seine Frau und seine Stieftochter immer wieder schlägt. Wieso dann der Titel „Glücksmarie“?
Inka Bach: Wer die Hölle erlebt hat, kann den Himmel besonders schätzen. Ich bin über-zeugt, auch jemand, der so viel Leid erlebt hat wie Marie, kann glücklich werden.
Die literarische Kraft ihres Romans liegt in der lakonischen Sprache. Das ganze Leid, das Marie erfährt, drücken Sie in knappen Sätzen aus. Haben Sie eine Mutmach-Geschichte geschrieben?
Das Buch soll eine Ermutigung sein. Ganz bewusst habe ich den Roman sprachlich so reduziert, dass der Leser die Grausamkeiten aushalten kann.
Die Härte der Sprache macht das Leid erträglich. Die Härte der Sprache ist auch Widerstand. Marie hat ein Talent zum Glücklichsein. Dafür muss sie sich aber erst befreien.
Wie kamen Sie auf die Idee zu dem Roman?
Ich hatte schon lange vor, diesen Roman zu schreiben. Als ich 1998 Stadtschreiberin in Rheinsberg war, habe ich mich in meinem „Rheinsberger Tagebuch“ mit dem Thema Rechtsextremismus befasst. Damals hörte ich sehr oft, dass die DDR kuschelig gewesen sei. Es habe zwar ein autoritärer,
totalitärer Staat geherrscht, doch die Gesellschaft sei sozial gewesen. Ich wollte zeigen, dass das so nicht stimmt.
Das war ein Grund. Zum Zweiten brannte mir das Thema Gewalt in der Familie auf den Nägeln. Es ist ein Tabu-Thema, und ich fand es literarisch reizvoll zu zeigen, wie eine Familie, in der alles wunderschön aussieht, die Fassade aufrecht hält. Die Stiefeltern machen Karriere. Schönheit, Reichtum, Wohlanständigkeit werden nach außen gezeigt, während innen die Hölle herrscht versteckt hinter Mauern des Schweigens.
Politik und Familie hängen im Übrigen eng zusammen. Je drückender die politischen Verhältnisse werden, desto gewalttätiger wird ja der Stiefvater.
Herbert, Maries Stiefvater, ist ein angesehener Gynäkologe, ihre Stiefmutter Augenärztin. Hängt Gewalt in der Familie demnach nicht von der sozialen Schicht ab?
Nein. Soziologen bestätigen das. Und man weiß auch, dass unter diktatorischen Verhältnissen Gewalt in der Familie weniger sanktioniert ist.
Ärzte werden häufig als ideale Gestalten gesehen früher in Groschenromanen, heute in Arztserien. Diese Hochachtung des Berufsstandes hat aber relativ wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Die Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus und in der DDR ist noch viel zu wenig aufgearbeitet. Das ist immer noch ein Tabu.
Dass Herbert Gynäkologe ist, hat eine besondere Brisanz für die Frauenverachtung, die in dem Buch beschrieben wird, die Frauenverachtung der Medizin, der Geburtshilfe und Frauenheilkunde in der DDR. Auch Wissenschaftler wie Alexander und Margarete Mitscherlich haben sich gefragt:
Warum waren gerade Ärzte unter diktatorischen Verhältnissen so grausam, Ärzte, die doch angetreten sind zu heilen? Das hängt wohl mit einer Abspaltung innerhalb des Berufs, mit Karriere und dem Berufsbild der „Halbgötter in Weiß“ zusammen.
Sie machen es den Lesern nicht leicht. Auch eine Frau - Maries Stiefmutter - macht sich schuldig. Auch sie schlägt Marie. Sie ist zugleich Opfer und Täter.
Ja, die Stiefmutter wird ihrer Verantwortung nicht gerecht. Sie ist keine Unterstützung für das Kind, sie verrät es. Sie trägt die volle Verantwortung für ihr Handeln. Mit „Glücksmarie“ wollte ich auch gegen den weiblichen Masochismus anschreiben. Es ging mir nicht wie bei Ingeborg Bachmann um die Chiffrierung von Gewalt. Die Thematik, die Verletzungen sind ähnlich, aber die Haltung ist eine andere. In „Glücksmarie“ werden die Täter ganz klar benannt.
Die Entwicklung Maries ist auch sprachlich zu spüren. Sie lernt ganz allmählich zu widerstehen.
Anfangs denkt Marie, dass das, was sie erlebt, völlig normal ist. Erst durch Berührungen mit der Außenwelt, durch Begegnungen mit den geliebten Großeltern, mit Lehrern und Freunden, stellt sie ihr Zuhause immer mehr in Frage.
Als Maries Stiefeltern in den Westen fliehen, möchte Marie am liebsten in der DDR bleiben. Ein Leben ohne den Stiefvater das bedeutet für sie Freiheit. Sie muss mit nach Westberlin, aber sie befreit sich dennoch auch emotional.
Es ist eine absurde Drehung, dass es ausgerechnet ihr Peiniger ist, der Marie in die Freiheit führt. Durch die Flucht aus der DDR kann Marie nämlich auch aus ihrer Familie fliehen. Sie will Freiheit konkret verstanden wissen und fordert Freiheit auch für sich persönlich ein. In West-Berlin sucht sie sich eine Ersatzfamilie, bei der sie lebt.
Marie ist nun fast erwachsen und der Leser ahnt, dieses Mädchen wird seinen Weg gehen. Doch wie es mit der beschädigten Kindheit fertig wird, erfährt er
nicht. Haben Sie sich darüber Gedanken gemacht?
„Ich weine und lache gleichzeitig und kann nicht mehr aufhören.“ Der letzte Satz des Buches deutet an, was noch auf Marie zukommt. Nicht nur das Herausfinden aus ihrer Todessehnsucht, den Suizidgedanken und der Depression, sondern auch Hysterie. Ein schwerer Weg liegt vor ihr.
Sie beschreiben eine Welt, die man sich kaum vorstellen kann, wenn man solche familiären Verhältnisse nicht von innen kennt. Haben Sie mit misshandelten Frauen gesprochen?
Ja, ich habe im Vorfeld mit betroffenen Frauen gesprochen und merke auch jetzt, seit das Buch erschienen ist, wie viele Frauen und übrigens auch Männer in ihrer Kindheit von dem gleichen Schicksal wie Marie betroffen waren. Oft höre ich von den Lesern den Satz: Das ist auch meine Geschichte.
Sind die Betroffenen froh, dass Sie ihnen eine Stimme gegeben haben?
Das ist unterschiedlich. Die einen sind froh, andere wehren ab.
Was bedeutet Kindheit für Sie persönlich?
Staunen.
Sie selbst sind 1972 als 16-Jährige aus der DDR nach West-Berlin gekommen.
An was von dem Land erinnern sie sich noch heute?
Das vorherrschende Gefühl ist Angst. Angst ist die Schmiere der Diktatur.
Marie ist glücklich, wenn sie in ihren Büchern die Welt um sich vergessen kann. Haben auch Sie als Kind viel gelesen?
Ja, russische Autoren haben mich fasziniert und philosophische Texte ... alles mögliche.
Schon mit elf Jahren wollte ich Schriftstellerin werden. Das Lesen hat mich so glücklich gemacht, dass ich gedacht habe, wenn ich erwachsen bin, dann möchte ich auch den anderen Glück vermitteln. Das geht mir auch heute noch so. Wenn ich ein schönes Buch lese, dann kribbelt’s, dann möchte ich schreiben.
Was bedeutet Schreiben für Sie?
Schreiben ist Mühsal, aber es gibt auch glückliche Momente, dann, wenn's fließt. Und Schreiben ist für mich auch Broterwerb.
Haben Sie literarische Vorbilder?
Ja, die habe ich immer. Manche verabschiede ich im Laufe der Zeit, manche kommen neu hinzu.
Zum Beispiel?
Bei „Glücksmarie“ waren es vor allem französische Autoren, die mich stark beflügelt haben. Christiane Rochefort zum Beispiel, die „Mutter“ der Absage an den Masochismus. Sie ist eine Autorin, die sich vehement auflehnt. „Das Geheimnis des Glücks ist Widerstand“, diesen Satz von ihr zitiere ich im Buch. Ein weiteres Beispiel ist Christine Angot, die Autorin des Erfolgsromans „Inzest“. Auch sie formuliert Widerstand. Stark beeinflusst hat mich auch James Ellroy mit seinem Roman über den Mord an seiner Mutter.
Was ist außer dem Schreiben wichtig für Sie?
La Dolce Vita ...
Das Gespräch führte Margit Lesemann.
Die Welt, 06.11.2004
Eine Kinderhölle in der DDR
von Udo Scheer
Die Geschichte dieses Mädchens geht unter die Haut. Nach dem tödlichen Verkehrsunfall ihrer Eltern wächst Marie bei Onkel und Tante auf, einem Arztehepaar in privilegierten DDR-Verhältnissen. Sie sehnt sich nach Nestwärme und Zuneigung, doch immer wieder erlebt sie Zurückweisung und Gewalt. Marie will alles richtig machen, deckt sonntags den Frühstückstisch, schleppt Kohlen und den Einkauf herauf. Doch Carola, die für ihre Schönheit bewunderte Stiefmutter, nennt das Kind »faul, fett und gefräßig«. Wenn Herbert seine Frau zusammengeschlagen hat, darf Marie sie pflegen. Sie hofft, daß Carola ihr Versprechen wahr machen, sich scheiden lassen wird und sie ihre beste Freundin sein darf. Doch die bleibt ihrem Mann hörig.
Dieser Roman erzählt eine jener Geschichten, die man kaum erfinden kann. Er liefert drastische Einblicke in familiäre Verhältnisse, wie sie bisher nicht zu lesen sind. Marie durchlebt eine Kinderhölle. Sie fürchtet sich vor Herbert in der Badewanne, wenn er sie, allein mit ihm, zwingt, seinen Rücken zu schrubben. Sie fürchtet sich, wenn er droht, ihr aufgeschnittene Frauen auf seinem OP-Tisch zu zeigen, weil sie doch auch Ärztin werden soll.
Zur »Glücksmarie« wird Marie immer dann, wenn sie in die Welt der Literatur eintauchen darf. Doch es genügt, daß sie beim Lesen kichert. Sie registriert Herberts sich steigernde Wut, sieht dem Schläger ins Gesicht: »Ich habe mir längst das Schreien abgewöhnt, stapele Steine in mir.«
Als Roman einer Kindheit in der DDR demontiert dieses Buch zusätzlich eine der letzten postsozialistischen Ikonen, die Geborgenheit in der Familie. Es erzählt vom verbreiteten Wegsehen, vom Versagen des Jugendamtes, aber auch von der sozialistischen Karriere des Dorfjungen Herbert. Der kompensiert den Anpassungsdruck bei der Kasernierten Volkspolizei als Militärarzt, als stellvertretender Chefarzt in der renommierten Ostberliner Charité durch häusliche Brutalität.
Und Inka Bach, die spätestens seit ihrem »Rheinsberger Tagebuch« über Neonazismus in Ostdeutschland als investigative Autorin gilt, bricht ein weiteres Tabu. Mit einem Porträt über Herberts Chefarzt Prof. Hermann Stieve, der unter seinem richtigen Namen erscheint, dokumentiert sie die in der DDR tabuisierte Übernahme von Nazi-Ärzten aus dem Dritten Reich. Es interessierte niemanden, daß von den Nazis verurteilte Frauen für Stieves Forschungen wunschgemäß nach ihrem Menstruationszyklusses hingerichtet worden waren. Der moderne Frankenstein bestellte den »Tod nach Kalender«.
Dieser Roman ist eine eindringliche Abrechnung mit der »kommoden Diktatur« und den Abgründen hinter familiären Fassaden. An seinem Ende steht eine dramatische, doppelte Flucht aus den Fängen beider.
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http://www.welt.de/data/2004/11/06/355975.html
Der Tagesspiegel, 03.10.2004
Mein Leben war nur ein Versehen Inka Bach erzählt von einer DDR-Jugend
Von Edith Bauer
Anders als der Titel »Glücksmarie« erwarten lässt, erzählt Inka Bachs Roman von einer Kindheit und Jugend voller Schrecken. Im Ost-Berlin der Sechzigerjahre herrscht Maries Stiefvater, ein erfolgreicher Gynäkologe, gnadenlos über Frau und Kind (...)
Den vollständigen Artikel finden Sie unter
http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/03.10.2004/1393080.asp
Salzburger Nachrichten, 5. 2. 2005
Sehnsucht nach Undine
In Inka Bachs DDR-Roman »Glücksmarie« ist ein Mädchen seinen Stiefeltern ausgeliefert Ostalgie liegt der 1956 in der DDR geborenen Schriftstellerin Inka Bach fern. In ihrem Buch »Wir kennen die Fremde nicht« beschrieb sie die DDR als Wurzel des Rechtsextremismus nach der Wende. Und in ihrem jetzt veröffentlichten Roman »Glücksmarie« deckt sie die Machenschaften des Arztes Hermann Stieve auf, der im Dritten Reich über Fruchtbarkeit von (...)
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Stuttgarter Zeitung 22. 2. 2005 (Auszug)
Das Mädchen hinter doppeltem Glas
Wie im Märchen - oder im Horrorfilm: Inka Bachs DDR-Roman »Glücksmarie«
Von Julia Schneider
Inka Bach erzählt aus der Perspektive eines Kindes, genauso nüchtern, wie diese Kindheit für Marie normal ist - weil sie nichts anderes kennt. Marie lernt, die unheilvollen Zeichen der Erwachsenen zu deuten, wie hinter »doppeltem Glas« zu leben. Sie wurschtelt sich durch und beschließt irgendwann, niemals auf dem Friedhof der ermordeten Töchter zu liegen. [...]
Während der erste Teil des Romans ganz die beklemmenden Erfahrungen von Marie schildert, nutzt die Autorin im zweiten Teil die Chance, eine Fluchtgeschichte zu schreiben, und verlässt dabei etwas unvermittelt die Perspektive ihrer Protagonistin - der prügelnde Onkel Herbert wird zur Hauptperson. [...]
»Glücksmarie« ist der erste Roman von Inka Bach, die 1956 in Ost-Berlin geboren wurde und, ähnlich wie ihre Protagonistin, in den siebziger Jahren mit ihrer Familie in den Westen flüchtete. [...]
Die eindringlich erzählte Entwicklung liest sich umso spannender, als sie in einer schnörkellosen Sprache und ohne Jammerton daherkommt und dabei absolut glaubwürdig wirkt.
Deutsches Ärzteblatt 102,
Ausgabe 16 vom 22.04.2005, Seite A-1123 / B-942 / C-889
BÜCHER
Entlarvung und Aufarbeitung
Im Mittelpunkt des Romans steht Marie und ihre leidvolle Jugend unter dem Stiefvater Herbert, einem Gynäkologie-Professor an der Charité. Dieser durchläuft eine dem Sozialismus angepasste Arztkarriere in der DDR der 60er- und 70er-Jahre und ist zugleich ein diktatorischer und sadistischer Ehemann und Stiefvater.
Der Roman ist aus verschiedenen Blickwinkeln interessant wie bewegend. Einerseits gibt die Autorin Einblicke in die autoritären Strukturen der damaligen DDR, die sich auch im Klinikalltag erkennbar niederschlugen. Andererseits offenbart Marie das Psychogramm eines gefühlsarmen Schwächlings, der sein Kind „erzieherisch“ aus dem Fenster hält, seine Frau Carola grün und blau schlägt, aber Sex-Partys mit ihr feiert oder mit ihr zu Ärztekongressen fährt.
Weit spannt der Roman einen Bogen von der Nazi- in die Stasi-Zeit: Die Universitätskliniken der Hauptstadt müssen 1945 zwar Nazi-Ärzte entlassen, stellen aber wegen Ärztemangels schon einige Tage später die meisten wieder ein und unterscheiden zwischen aktiven und lediglich nominellen Mitgliedern der Nazi-Partei Vergleiche mit 1990 drängen sich auf. Es wird auch der Nazi-Anatomieprofessor Stieve, der Frauenleichen aus Plötzensee untersucht hatte und dessen Büste erst 1989 aus der Charité entfernt wurde, erwähnt. Ausgerechnet der Stiefvater wird ungewollt zu Maries Retter, indem er nach dem gescheiterten Prager Frühling die Flucht in den Westen beschließt und die erwachsen werdende Marie mit in den Westen nimmt. Dort gelingt es ihr, sich von ihm zu befreien, sie flieht in eine Westberliner Pflegefamilie.
„Glücksmarie“ ist ebenso Entlarvung und Aufarbeitung eines kleinkarierten politischen Systems am Beispiel einer Arztkarriere in der Charité wie ein erschütterndes individuelles Psychogramm einer kranken Dreierbeziehung zwischen Herbert, Carola und Marie.
Der Schreibstil ist fast stakkatoartig gehetzt, prägnant, schlagend wie der Vater, aber auch hochsensibel und intelligent. Marie lehnt sich gegen ihre Selbstzerstörung auf und gewinnt als Glücksmarie. Das Buch leistet einen Beitrag, die auch im ärztlichen Bereich mögliche „Wir-sind-ein-Volk-Gefühlsduselei“ zu relativieren, gibt andererseits erschreckende Einblicke in die Psychopathologie eines Familienlebens und ist außerdem Zeugnis des Überlebenswillens einer jungen Frau.
Werner Mendling
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